Deutschland
/ Italien 2009
- 92 Min.; ab 0;
Regie: Neele Leana Vollmar;
Darsteller: Lino Banfi, Christian Ulmen, Mina Tander, Sergio Rubini,
Maren Kroymann, Gundi Ellert, Peter Prager, Paolo de Vita.
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Campobello, eine kleine Stadt in Apulien. In den
engen, verwinkelten Gassen rammt ein typischer dreirädriger Ape-Minilaster
an der Kreuzung ein weißes VW Karmann Ghia Cabrio. „Sie sehen doch,
hier, bitte schön, meine Möse blinkt“ radebrecht der linkische Jan
(Christian Ulmen) verzweifelt. „Möse an, Möse aus, Möse an, Möse
aus.“ Mit dem Wörterbuch in der Hand versucht der akribische Sachbuchlektor
seine Unschuld zu beweisen. Aufgeregt vertauscht er dabei vor versammelter
Menge die Wörter Blinker „freccia“ und Möse „fregna“. Sein Erklärungsversuch
löst bei den italienischen Ortsbewohnern Lachsalven aus. „Ich kenne
den nicht“, wehrt sich Antonio Marcipane (Lino Banfi), sein italienischer
Schwiegervater in spe, der seinen Heimatort Campobello einst Richtung
Deutschland verlassen musste. In diesem peinlichen Moment möchte
der ehemalige „Gastarbeiter“ nichts mit dem Tedesco zu tun haben.
Szenen wie diese zählen zu den skurrilen Höhepunkten der temporeich
und witzig inszenierten Sommerkomödie. Immer wieder spielt der Film
äußerst humorvoll mit deutsch italienischen Missverständnissen. Nichtsdestotrotz
ist das Ganze eine fröhliche Liebeserklärung an die italienische
Lebensart und die italienische Großfamilie. Denn der kluge Charme
von „Maria, ihm schmeckt´s nicht“ liegt in seinem offensiven Umgang
mit Stereotypen. Klischeebilder werden nicht komisch übersteigert,
um ad absurdum geführt zu werden, sondern um ihren wahren Kern offen
zu legen. Das hat durchaus etwas Befreiendes. Schließlich überwindet
am Ende selbst Patriarch Antonio seine Vorbehalte gegenüber seinem
etwas blassen deutschen Schwiegersohn.
Doch angefangen hat alles ganz harmlos. Eigentlich wollte Jan die
Deutsch-Italienerin Sara (Mina Tander) nur standesamtlich heiraten.
Ganz unspektakulär. Aber sein zukünftiger Schwiegervater, der 1965
als Fremdarbeiter nach Osnabrück kam und eine Deutsche (Maren Kroymann)
heiratete, entdeckt seine italienische Seele wieder. Strikt verlangt
der Papa für sein Töchterchen eine traditionelle Hochzeit in seinem
Heimatort in Süditalien. Also reist Jan mit den Marcipanes nach Campobello,
um die große Familienfeier mit der gesamten Sippe vorzubereiten.
Schnell ist klar, dass mit der Hochzeit der beiden ein kulturpsychologischer
Kraftakt verbunden ist. Konfrontiert mit südländischem Temperament,
apulischer Küche, die keine Rücksicht auf seine Meeresfrüchteallergie
nimmt, weichen Betten, in denen er einsam versinkt und chaotischer
Bürokratie verliert Jan schon bald die Nerven. Am Hochzeitsmorgen
umkreist er deshalb – noch im Pyjama - völlig aufgelöst mit seinem
Auto das Ortsschild von „Campobello“. Flüchten oder standhalten,
so die Frage. In einer großangelegten Rückblende erzählt der gestresste
Hochzeiter den Zuschauern, wie es dazu kommen konnte, dass er nur
noch eines wollte – nämlich zurück nach Deutschland.
Die heimliche Hauptfigur des Films, der trotz aller Komik ansatzweise
als sozialkritsche Studie funktioniert, ist freilich Schwiegervater
Antonio. Sein schwieriges Schicksal als Arbeitsemigrant, der es wagt
im spießigen Wirtschaftswunder-Deutschland als Ausländer mit einer
Deutschen eine Familie zu gründen, eröffnet in prägnanten Rückblenden
eine neue emotionale Ebene. Das Kaputtgehen an Deutschland, wie es
einst Werner Schroeters stilsprengende Passionsoper „Palermo oder
Wolfsburg“ zeigte, blieb Antonio jedoch erspart. Nicht zuletzt dadurch,
dass er sich seine eigene Welt aufbaute, um sich zu schützen.
„Bella Figura“ macht neben den männlichen Hauptdarstellern aber
auch die 32jährige Mina Tander in diesem humorvollen Bilderbogen,
der unterhaltsam um Liebe, Glück und Heimat kreist. Ihr multikultureller
Hintergrund hilft der Tochter eines afghanischen Journalisten und
einer deutschen Lehrerin sich perfekt in ihre Rolle zu versetzen.
Dass die gebürtige Kölnerin zudem ausgezeichnet italienisch spricht
macht ihren Auftritt noch authentischer. Denn last but not least
ist in unseren Gefilden nichts verlockender, als ein wenig „Italianitá“.
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