Früher war alles viel besser. Auch Woody Allen-Filme. Natürlich nicht - wie der 75jährige Altmeister furios zu beweisen versteht! In seinem 42sten Kinostreich erzählt er vom frustrierten Hollywood-Autoren Gil (Owen Wilson), dem ein Spaziergang der etwas anderen Art die Augen öffnet: Plötzlich findet sich der Held in den Zwanziger Jahren wieder, plaudert mit Hemingway und Bunuel – und verliebt sich in die Muse von Picasso. Mit champagnerprickelnder Leichtigkeit lädt Allen zur augenzwinkernd vergnüglichen Kunstreise in die Vergangenheit. Grandiose Akteure, scharfzüngig funkelnde Dialoge: „Was Sie schon immer über Paris wissen wollten…“

Die neue romantische Komödie aus der Feder Woody Allens ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Stadt der Liebe, sondern auch an das Gefühl von Romantik und Nostalgie an sich. Zusammen mit Gil begegnet der Zuschauer in urkomischen Szenen berühmten Figuren wie F. Scott Fitzgerald nebst Frau Zelda, Gertrude Stein oder auch Dali, die überspitzt aber doch treffend von einer hochkarätigen Schauspielriege dargestellt werden. Pointierte Dialoge, kluge Lebensweisheiten und philosophische Sinnsuche vermischen sich mit einem leichten Gefühl des Laissez-Faire. Ein zauberhaftes und romantisches Meisterwerk von Woody Allen, lau und verführerisch wie ein Spätsommerabend.
FBW Wiesbaden

Spanien/USA 2011 - 94 Min.; ab 12;
Regie: Woody Allen;
Darsteller: Owen Wilson, Rachel McAdams, Kathy Bates, Adrien Brody, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Michael Sheen, Nina Arianda, Kurt Fuller, Carla Bruni
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Am Anfang war das Idyll. Und der Jazz. Minutenlang schwelgt Allen zum Auftakt in Postkarten-Bildern von Paris. Louvre, Eiffelturm und Moulin Rouge, dazu die unvermeidlichen Boule-Spieler. Für das junge Paar aus USA geht mit dem Trip ein romantischer Traum in Erfüllung – schließlich schwärmt Gil (Owen Wilson), der Drehbuchautor von Hollywood, schon lange von dieser Metropole der Kunst und Kultur. Die hübsche Inez (Rachel McAdams) hat weniger Verständnis für des Verlobten Schwärmerei. Sie plaudert lieber in teuren Restaurants mit ihren spießigen Eltern – oder lauscht gebannt ihrem plötzlich auftauchenden Ex-Freund, einem grässlich besserwisserischen Schnösel mit Professur an der Sorbonne. Genervt begibt sich Gil auf einen einsamen Spaziergang durch das nächtliche Paris – ein Trip, der Folgen haben wird. Plötzlich hält ein Oldtimer neben Gil, in dem sich Scott Fitzgerald persönlich befindet. Damit nicht genug, lernt der zeitreisende Held alsbald Cocteau, Cole Porter oder Hemingway kennen, später gar noch Dali, Picasso und Bunuel. In Gertrude Stein findet er eine hochkarätige Lektorin für sein jüngstes Werk, in Picassos Muse eine verführerische Bewunderin zum Flirten und zur Livemusik von Porter lässt sich ohnehin bestens Party machen. Die regelmäßige Rückkehr in die Gegenwart bei Sonnenaufgang gerät für Gil zunehmend zur Qual, zumal ihm die bissigen Schwiegereltern sowie der altkluge Ex seiner Braut immer mehr auf die Nerven gehen. Da glitzern die Goldenen Zwanziger Jahre verlockender, wo man Bunuel schon mal die Idee für dessen Klassiker „Der Würgerengel“ stecken kann: „Ich versteh’ das nicht: weshalb können die das Zimmer nicht verlassen?“ erwidert der geniale Maestro etwas verunsichert. Zugleich findet der liebeskranke Held allseits offene Künstler-Ohren für sein Leid: „Ihr Typen seid Surrealisten, ich bin normal“ klagt er traurig in der Absinth-Bar. Alsbald allerdings muss der begeisterte Zeitreisende erkennen, dass früher doch nicht alles besser und romantischer war - nicht nur, weil es kein Valium gab. Der Lack des Goldenen Zeitalters bröckelt mehr und mehr: Illusionen sind eben auch nur Illusionen. Mit champagnerprickelnder Leichtigkeit lädt Allen zur augenzwinkernd vergnüglichen Kunstreise in die Vergangenheit. Und bietet dabei grandiose Akteure, scharfzüngig funkelnde Dialoge sowie faszinierende Bilder. Owen Wilson gibt sichtlich vergnügt den verhinderten Romantiker als texanische Version von Woodys Alter Ego. Derweil Cathy Bates, Marion Cotillard und Adrien Brody mit gekonnter Lässigkeit in den starbesetzten Nebenrollen funkeln. Dass der mit gigantischem Medienwirbel begleitete Auftritt von Frankreichs Präsidentengattin Carla Bruni als Museumsführerin keine fünf Minuten dauert, kann Woody getrost als den gelungensten PR-Coup des Jahres verbuchen. Das Füllhorn an Anspielungen und Zitaten sorgt im Allen Nr.42 für die Extra-Portion Vergnügen – doch keine Sorge: auch ohne Kunststudium kommt man bei dieser Komödie bestens auf seine Kosten.

Dieter Oßwald (programmkino.de)