Österreich
/ Großbritannien / Lettland 2007;
Regie: Alexander Hahn;
Darsteller: Dominique Pinon, Maria de Medeiros, Tobias Moretti, Orlando
Wells, Birgit Minichmayr, Detlev Buck, Roland Düringer, Gundars Abolins.
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Nicht nur in Skandinavien, auch im Baltikum ist die
Mittsommernacht eine touristische Attraktion. Den Stunden vom 23.
auf den 24. Juni werden magische Kräfte zugeschrieben. In Alexander
Hahns Komödie „Midsummer Madness“ zieht es deshalb allerhand skurrile
Gestalten, die die Gunst der Stunde nützen wollen, nach Lettland.
Und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine mysteriöse reiche
Witwe reist mit der Urne ihres verstorbenen Gatten an, um ihn in
seinem Heimatland zur letzten Ruhe zu betten. Begleitet wird sie
zunächst von ihrem Bodyguard und später auch vom lettischen Bestatter.
Das mit schwarzen Hüten ausstaffierte Trio erinnert in seinem eigentümlichen
Äußeren an Mitglieder einer Zirkustruppe. Die Fahrt durch Lettland
endet bei einem auf einem Hügel errichteten Friedhof, der Kameramann
Jerzy Palacz zu den schönsten Aufnahmen des Films inspirierte: in
schwarzromantischen Nebel getaucht, entsteht eine wunderbar düstere
Märchenstimmung. Diese eher am Rande erzählte Geschichte ist gleichwohl
bezeichnend für Hahns Episodenfilm. Ihre Handlung beschränkt sich
auf eine Autofahrt, bei der kaum mehr geschieht, als dass sich die
Insassen miteinander unterhalten. Wie diese Episode lebt der gesamte
Film von witzigen Dialogen, schrägen Gestalten, schönen Bildern und
einer bizarren Atmosphäre. Der Plot hingegen entwickelt sich weitgehend
linear und oberflächlich. Das gilt für die Geschichte der nymphomanen
Aida, die nach Hause fährt, um ihren – angeblich japanischen, in
Wirklichkeit aber chinesischen – Freund den Eltern vorzustellen,
aber auch für die Episode der beiden Feuerwehrmänner, die sich ihre
mehr als nur freundschaftliche Zuneigung nicht eingestehen wollen;
als sie nackt im See baden, zünden ihre Kollegen ihnen die Kleider
an. Oder für das Geschäftstreffen, bei dem der abgehalfterte Russe
Leonid mit seinen ausländischen Gästen Karl und Axel den Vertrag
seines Lebens abschließen möchte. Es gilt auch für den Erzählstrang,
der den größten Raum einnimmt: der Amerikaner Curt sucht darin seine
(angebliche) Halbschwester, von deren Existenz er bis vor kurzem
nichts wusste. Auch hier spielt sich ein Großteil des Geschehens
im Auto ab. Die Komik ergibt sich aus dem kulturellen Gefälle zwischen
dem verschlossenen Curt und dem lebensfrohen, recht schwatzhaften
lettischen Taxifahrer Oskars, der den Amerikaner durchs Land chauffiert.
Zwar entwickelt sich die Suche nach der Halbschwester am Ende zur
romantischen Liebesstory. Doch auch diese Plotwende fällt wenig originell
aus. Dass es zwischen den fünf parallel erzählten Episoden fast keine
Berührungspunkte gibt und sie auch am Schluss nicht miteinander verknüpft
werden, ließe sich verschmerzen, bilden sie zusammen doch eine konzeptionelle
Einheit, deren eigentliche Hauptfigur Lettland darstellt; als Chiffre
für die Suche nach Heimat, Identität oder auch Liebe. Ungleich problematischer
aber ist, dass auch in den einzelnen Episoden kaum etwas Nachhaltiges
geschieht. Denn die narrative Oberflächlichkeit wird durch die pointierten
Dialoge und die pittoresken Aufnahmen nicht etwa wettgemacht. Vielmehr
droht mit dem schwachen erzählerischen Fundament das gesamte filmische
Gebäude in sich zusammenzustürzen. Zumindest erhält es deutliche
Risse. Die ganze Absurdität erscheint, da sie nicht aus dem Geschehen
resultiert, aufgesetzt und unglaubwürdig. Man muss ein wenig zu oft
an die Filme Emir Kusturicas oder an Jim Jarmuschs „Night on Earth“
(fd 29 256) denken. Vergleiche, die der Film evoziert, die ihm aber
schaden, weil er ihnen nicht standhält. Unterm Strich ist Hahn, der
in Lettland seine Kindheit, in Deutschland die Jugend verbrachte
und in Österreich Film studierte, trotzdem eine flotte und manchmal
freche romantische Komödie gelungen, der man jedoch anmerkt, dass
sie viel mehr sein wollte.
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