Augezeichnet mit 2 OSCARS

(Hauptdarsteller und Drehbuch)
Er kämpfte mit Courage und Leidenschaft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und gegen ein Klima der Angst und Bigotterie. Sein Name: Harvey Milk. Hollywood widmet dem 1978 ermordeten, ersten offen schwulen Stadtrat der USA nun ein hochkarätig besetztes Zeitdokument, dessen universale Agenda nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt hat.

USA 2008 - 128 Min.; ab 12;
Regie: Gus Van Sant;
Darsteller: Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, James Franco, Diego Luna, Josh Brolin, Alison Pill, Victor Garber, Denis O’Hare, Jeff Koons, Brandon Boyce.

Homepage

Movie Database

Anfang der siebziger Jahre zieht es den New Yorker Geschäftsmann Harvey Milk (Sean Penn) und seinen Freund Scott (James Franco) von der Ost- an die Westküste, genauer nach San Francisco, dem einstigen Mekka der Hippie-Bewegung. Dort eröffnen beide ein kleines Fotogeschäft. Schnell entwickelt sich ihre Nachbarschaft, die Gegend um die Castro Steet, zu einem vitalen, bunten „Hot Spot“ der schwul-lesbischen Szene. Doch auch das schützt Harvey und seine Freunde nicht vor Repressalien und Übergriffen der Polizei. Gerade vielen Konservativen und christlichen Gruppen sind Schwule ein Dorn im Auge. Viele vertreten die Auffassung, dass es sich bei Homosexualität um eine Krankheit handelt, um eine Abnormalität, vor der man die Gesellschaft schützen muss.

Als die Stimmung zunehmend feindseiliger wird, entschließt sich Harvey, aktiv für die Rechte von Schwulen und Lesben einzutreten und für einen der vakanten Stadtratsposten zu kandidieren. Bei seinen ersten Anläufen unterliegt er jeweils nur knapp. 1977 gelingt ihm dann wahrlich Historisches. Als der erste offen schwule Mandatsträger in der amerikanischen Geschichte wird Harvey Milk in den Stadtrat gewählt. Dabei erhält er auch die Stimmen vieler Schwarzer, Latinos, Gewerkschafter und Rentner.

Regisseur Gus Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black nähern sich diesem Ausschnitt neuerer amerikanischer Geschichte über die Privatperson Harvey Milk. In den Siebzigern war das Private noch politisch, vor allem dann, wenn der eigene Lebensentwurf von dem der Mehrheit in entscheidenden Punkten abwich. Gleichgeschlechtliche Liebe wurde als Sünde geächtet und Schwule mit Kinderschändern gleichgesetzt, woraus manch abstruser Vorschlag wie der nach dem Ausschluss von Homosexuellen aus dem Schuldienst resultierte. Der Film zeigt, wie sich Schwulen und Lesben erstmals organisierten und ihrem Anliegen in der Öffentlichkeit eine deutlich wahrnehmbare Stimme gaben. Van Sant mischte dazu in die mit großer Akkuratesse inszenierten Spielszenen immer wieder Archivmaterial von TV-Interviews, Wahlkampfveranstaltungen und Pressekonferenzen, in denen auch vehemente Gegner der Gleichberechtigung wie die christliche Aktivistin Anita Bryant zu Wort kommen.

Milk ist aus vielerlei Gründen ein bemerkenswerter Film. Van Sant bringt uns einerseits die Person Harvey Milk näher, ohne ihn als Platzhalter schwul-lesbischer Forderungen oder Ikone des „Gay Pride“ zu instrumentalisieren. Das politische wie soziale Erdbeben, das seine Ernennung zum Stadtrat in Kalifornien auslöste und das in seiner Signalwirkung weit über die Grenzen San Franciscos Relevanz besaß, scheint untrennbar mit Milks Vita verbunden. Mit dem, was er für richtig erachtete und was ihm wirklich war. Dabei bleibt dieser bemerkenswert mutige Mann immer ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Einmal ins Amt gewählt, zeigt sich recht bald, dass er von politischen Winkelspielen mindestens so viel wie seine Gegner verstand. Und in seinen Beziehungen, erst mit Scott, später mit dem deutlich jüngeren Jack (Diego Luna), ist das Scheitern eine Konstante.

Sean Penns Porträt stellt sich ganz in den Dienst dieser inspirierenden und nach wie vor aktuellen Geschichte. Hingebungsvoll und völlig uneitel nähert er sich der Rolle, die ihm eine weitere Oscar-Nominierung einbringen dürfte. Neigte Penn in der Vergangenheit bisweilen zu übertriebenen, exaltierten Posen, so ist dieses Mal rein gar nichts davon zu spüren. Er verwandelt sich in Milk, ohne dass es jemals angestrengt wirkt oder sich wie das Abhaken einer Checkliste anfühlt. An Penns Seite brilliert Josh Brolin. Seine Darstellung des frustrierten Stadtrats Dan White ist nicht minder überzeugend. White, der Milk und San Franciscos Bürgermeister George Moscone (Victor Garber) am 27. November 1978 im Rathaus aufsuchte und mit fünf Schüssen ermordete, war ein schwieriger Charakter und eine gebrochene Persönlichkeit. Aber so wenig der Film Harvey Milk zu einem Heiligen stilisiert, so wenig verfällt er im Fall Dan White einer plumpen Dämonisierung.

Trotz seines zunächst tragischen Ausgangs ist Milk im Kern doch ein zutiefst optimistisches Stück Kino. Der Film handelt von der Möglichkeit des Wandels, davon dass sich in einer Demokratie Minderheiten organisieren und dadurch zu Mehrheiten werden können. Emotional und zuweilen mit sichtlicher Wut im Bauch zeichnet Van Sant ein spannendes Zeitgemälde, dem man jeden nur erdenklichen Erfolg wünscht.