Großbritannien
/ Kanada 2009 -
98 Min.; ab 12;
Regie: Sam Taylor-Wood;
Darsteller: (Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff,
David Morrissey, Thomas Brodie Sangster, Sam Bell, David Threlfall,
Ophelia Lovibond, Jack McElhone.
Homepage
Movie Database
Facebook
|
Liverpool. Die Hafenstadt im Nordwesten Englands
ist untrennbar mit der bis heute erfolgreichsten Musikband aller
Zeiten verbunden, den Beatles. Bevor jedoch Songs wie „Yesterday“
und „Strawberry Fields Forever“ von hier aus ihren weltweiten Siegeszug
antraten, lag vor George, Paul, Ringo und John ein beschwerlicher
Weg. Während sich Iain Softleys „Backbeat“ leidenschaftlich den Anfangsjahren
der Fab Four widmete, blickt der ebenfalls britische „Nowhere Boy“
noch weiter zurück. In ihrem Spielfilmdebüt erzählt Regisseurin Sam
Taylor-Wood von der Jugend John Lennons, seiner musikalischen Sozialisation
und der ersten Begegnung mit einem gewissen Paul McCartney.
John
(Aaron Johnson) wächst wohlbehütet und in durchaus bürgerlichen Verhältnissen
bei seiner Tante Mimi (Kristin Scott-Thomas) auf, die ihn mit liebevoller
Strenge zu Disziplin und Anstand erzieht. Von seiner leiblichen Mutter
Julia (Anne-Marie Duff) sind ihm lange Jahre nur Erinnerungen geblieben,
seitdem sie und sein Vater Alf sich einst getrennt hatten. Da war
John gerade einmal fünf Jahre alt. Eher beiläufig erfährt er eines
Tages, dass Julia entgegen seinem Glauben immer noch ganz in der
Nähe wohnt. Er baut den Kontakt zu ihr wieder auf, was seiner Tante
zunächst sichtlich missfällt. Es ist Julia, die den jungen John in
eine, für ihn bis dahin unbekannte Welt einführt, ihn mit dem Virus
des Rock’n’Roll infiziert und seine spätere musikalische Entwicklung
maßgeblich prägt.
Der Film lässt mit viel Hingabe und Liebe zum Detail
das England der späten fünfziger Jahre wiederauferstehen. Die Arbeiterstadt
Liverpool erscheint nicht nur ungemein lebendig, es werden auch die
Gegensätze und Brüche zwischen der eher proletarisch beeinflussten
Pop- und Rock’n’Roll-Musik und des ebenfalls aus den USA importierten
Jazz deutlich. Anders als seine späteren Bandkollegen stammt John
Lennon nämlich nicht aus dem Milieu der Working Class. Er genießt
eine gute Ausbildung, was er allerdings nicht immer zu schätzen weiß.
Seine Jugend beinhaltet neben den typischen rebellischen Phasen auch
immer wieder eine tiefe Sehnsucht nach familiärer Sicherheit und
Geborgenheit. Beides lässt sich im Spannungsfeld zweier vollkommen
unterschiedlicher Lebensentwürfe – auf der einen Seite den seiner
disziplinierten Tante, auf der anderen den seiner freigeistigen,
liberalen Mutter – bisweilen recht schwer vereinbaren.
„Nowhere Boy“,
der Titel deutet es bereits an, beschreibt den späteren Superstar
als einen Jungen, der lange Zeit nicht so recht weiß, wo er eigentlich
hingehört und welchen Weg er gehen soll. Erst die Musik bewirkt einen
sinn- und identitätsstiftenden Wandel. Dabei erweist sich Taylor-Woods
Film vornehmlich als feinfühliges Coming-of-Age-Stück. Der von Aaron
Johnson bravourös gespielte junge John Lennon steht hier im Vordergrund
und nicht seine erst später entwickelte Star-Persona. Diese wird
in den Auftritten mit seiner ersten Band, den „Quarrymen“, allenfalls
angedeutet. Und doch versäumt es „Nowhere Boy“ nicht, seine Geschichte
einer mitunter schizophrenen Adoleszenz mit viel erstklassiger Rock’n’Roll-Musik
zu unterlegen. Am Ende verlässt ein gereifter John seine Heimatstadt
Richtung Hamburg. Die weiteren Kapitel in seinem Leben dürften hinlänglich
bekannt sein. |