Doctor Parnassus, mehrere tausend
Jahre alt, bereist die Welt mit seinem Imaginarium, um den Menschen
ihre Träume und Fantasien vorführen zu können. Doch Parnassus trägt
ein dunkles Geheimnis in sich: Seine Unsterblichkeit verdankt er
einem Pakt mit dem Teufel, Mr. Nick. Später überredet ein verliebter
Parnassus den Teufel, den Handel umzuwandeln: Jetzt will er wieder
jung sein, um seine Liebe gewinnen zu können. Dafür verspricht er,
dass sein Erstgeborenes an seinem 16. Geburtstag in den Besitz von
Mr. Nick übergeht. Als er anreist, um Parnassus' Tochter Valentina
einzufordern, lässt er sich auf einen weiteren Pakt ein. Ausgehend
von einem "Faust"-Motiv lässt Terry Gilliam
in dieser fiebrigen Fantasy-Extravaganz seiner überbordenden Vorstellungskraft
wieder freien Lauf. Das Ergebnis ist ein visuell berauschender Trip,
nicht unähnlich früher Arbeiten wie "Time Bandits" oder "Baron
Münchhausen", der eine ebenso zutiefst romantische wie verzweifelte
Weltsicht offenbart. Mitten während der Dreharbeiten verstarb Hauptdarsteller
Heath Ledger. Der Film konnte nur mit Hilfe eines dramaturgischen
Kniffs und des selbstlosen Einsatzes von Johnny Depp, Colin Farrell
und Jude Law fertiggestellt werden. |
Ein würdiges und wildes Denkmal: Terry Gilliam lässt
seinen Star Heath Ledger in seiner allerletzten Rolle glänzen in
einer Freakshow, deren Fertigstellung durch den Einsatz von Johnny
Depp, Jude Law und Colin Farrell erst möglich wurde.
Terry Gilliam, Ur-Monty-Python und seit den Achtzigerjahren einer
der fantasievollsten Filmemacher mit unverkennbar eigener Vision,
ist Gegenwind bei seinen Projekten gewohnt. Bücher lassen sich füllen
über seine Kämpfe mit Studios, Budgets und den Gewalten der Natur. "Brazil" wurde
vom Studio verhunzt und konnte nur durch Unterstützung der Filmkritik
gerettet werden, "Münchhausen" war ein außer Kontrolle
geratenes Desaster, "The Man Who Killed Don Quichote" musste
nach Verletzung des Hauptdarstellers und verheerenden Unwettern abgesagt
werden, "Brothers Grimm" erwies sich als Dauerkampf mit
den Weinstein-Brüdern und zehrte so sehr an den Nerven Gilliams,
dass er sich mit seinem düstersten und bittersten Film, "Tideland",
von der traumatischen Erfahrung befreien musste.
"The Imaginarium of Doctor Parnassus" war zunächst als
Neuanfang gedacht, ein ganz purer Gilliam-Film mit Elementen aus "Time
Bandits", "Brazil", "Münchhausen" und "König
der Fischer", einer jener morbiden Freiflüge der Fantasie, voller
Romantik und Traummotiven, wie sie außer ihm bestenfalls noch Tim
Burton bewerkstelligen kann - und entpuppte sich als sein bislang
schlimmster Albtraum, als im Januar 2008 mitten während der Dreharbeiten
sein Star Heath Ledger, der für Gilliam bereits in "Brothers
Grimm" gespielt hatte, verstarb und das Projekt lange Zeit auf
der Kippe stand. Ohne angesichts der Tragödie zynisch klingen zu
wollen: Vom Pech verfolgt zu sein, kann sich als Glücksfall erweisen.
Je schlimmer die Umstände, desto mehr wird Gilliams Kreativität entfacht.
Und hier übertrifft er sich selbst: Unterstützt von Johnny Depp,
Jude Law und Colin Farrell, die in der Not eine helfende Hand reichten,
konnte der Regisseur seinen Film dank eines verwegenen Handlungskniffs
retten: Dreimal steigt die Hauptfigur Tony, der von der fahrenden
Truppe des Doctor Parnassus mit einem Strick um den Hals von einer
Londoner Brücke hängend gerettet wird und sich aufgrund seiner Gedächtnislücken
den Gauklern anschließt, durch einen Spiegel auf der Bühne, jedes
Mal taucht er auf der anderen Seite als einer der anderen Schauspieler
in einem neuen grotesken Universum auf, das "Alice im Wunderland" alle
Ehre bereiten würde. Der Effekt ist verblüffend, die Illusion perfekt,
zum einen weil es gelungen ist, Depp, Law und Farrell ungemein ähnlich
sehen zu lassen, zum anderen weil offenkundig genug Material mit
Ledger gedreht worden war, um die Geschichte in unserer Welt auch
tatsächlich funktionieren zu lassen. Nur kleinere Holperer lassen
sich konstatieren, doch sie fügen sich insgesamt homogen ins Gesamtbild
dieses wilden Films, der sich keine Sekunde um Realität und Logik
schert, aber einen mit seinen intensiven Bildern sofort gefangen
nimmt.
Um einen Faustischen Pakt geht es zwischen dem tausendjährigen Parnassus
und dem Mr. Nick genannten Teufel, den Tom Waits spielt, als sei
er einer seiner torkelnden Songs aus dem "Rain Dogs"-Album,
um ewiges Leben und um die Rettung von Parnassus Tochter Valentina,
von Supermodel Lily Cole als nahe Verwandte der Figur von Sarah Polley
in "Münchhausen" dargestellt: Um sie nicht an ihrem 16.
Geburtstag an den spielsüchtigen Nick zu verlieren, muss der Wunderzauberer
fünf Seelen gewinnen, die sich auf seine alternative Welt jenseits
des Spiegels einlassen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, mit Tony
als Joker, und Gilliam gestaltet es als gnadenlos überzeichnete Freakshow,
mit gewohnt schrägen Kamerawinkeln und verzerrten Bildern, um dem
Zuschauer bisweilen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzureißen.
Egal wie monströs der Film mit seiner Besessenheit mit Verfall, Schmutz
und Vergänglichkeit auch ist, er ist immer faszinierend, zum einen
wegen dem charismatischen und bisweilen gotterbärmlich aussehenden
Ledger, aber auch weil es eine so bittere, wehmütige und beständig
verzweifelte Ballade geworden ist, als würde der ewige Don Quichote
des Kinos selbst langsam so müde werden, wie es der von Christopher
Plummer mit unendlicher Wehmut gespielte Titelheld längst ist. Vielleicht
bedarf es ja auch nur eines Deals mit dem Leibhaftigen, um das Imaginarium
des Doktor Gilliam noch lange lebendig zu halten. |