Der fast werkgetreu verfilmte
Weltbestseller „Schande“ des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers
J.M. Coetzee verliert auch auf der Leinwand nichts von seiner beklemmenden
und verstörenden Wirkung. Unerbittlich spielt das explosive Drama
um Rassismus, Sexualität, Schuld und Vergeltung in Südafrikas Postapartheid
auf der Klaviatur kolonialer Urängste, die jene Eroberung und Unterwerfung
von Anfang an begleiteten. Als zynischer Literaturprofessor, der
glaubt im befreiten Land, kein Recht, keine Würde und keine Zukunft
mehr zu haben, brilliert John Malkovich in der Hauptrolle. |
Originaltitel:
Disgrace;
Australien
/ Südafrika 2008 - 120 Min.; ab 12;
Regie: Steve Jacobs;
Darsteller:
John Malkovich, Jessica Haines, Eriq Ebouaney, Fiona Press, Antoinette
Engel, Scott Cooper, Charles Tertiens, Paula Arundell, Monroe Reimers.
Movie Database |
Der weiße Literaturprofessor David Lurie (John Malkovich)
aus Kapstadt ist eine zerrissene Existenz. Der 52jährige lebt mit
Byron, Joyce, Musil gleichsam in einem abendländischen Illusionstheater.
Die Außenwelt jedoch bleibt dem alternden Don Juan eher fremd. Die
Sprache der Afrikaner versteht er nicht. Ihre Kultur erscheint ihm
rätselhaft, ja fast abstoßend. Zugleich freilich erweckt sie Sehnsüchte
und Lüste. Manchmal sogar Schamgefühle über die Destruktivkräfte
der eigenen Zivilisation.
Als der selbstgefällige Homme de Lettres
rücksichtslos seine Machtposition als Professor ausnutzt und eine
Affäre mit einer seiner schwarzen Studentinnen Melanie (Antionette
Engel) beginnt, verwandelt sich sein Leben in einen Albtraum. Lurie
wird entlassen. Auf der entlegenen Farm seiner Tochter Lucy (Jessica
Haines) am Ostkap sucht der zweimal Geschiedene Zuflucht. „Alles
ist heute gefährlich“, erklärt ihm dort Petrus (Eriq Ebouaney), der
schwarze Nachbar. Kurz darauf überfallen drei farbige Jugendliche
die Farm, erschießen die Hunde und vergewaltigen die junge Frau.
Lurie kann sie nicht beschützen. Eingesperrt in der Toilette übergießen
ihn die Rachsüchtigen mit Brennspiritus und zünden ihn an.
In demütiger
Selbsterniedrigung nimmt Lucy ihre Schändung als Sühne für die historische
Schuld der Vorväter hin. Im Gegensatz zu ihrem Vater unterwirft sie
sich den scheinbar neuen Machtverhältnissen. Die Vergewaltigung,
meint sie, sei der Preis, den man als Weiße zahlen muss, um bleiben
zu dürfen. Stillschweigend glaubt Lucy, mit ihrem Martyrium eine
Art Ausgleich schaffen zu können für die Jahrzehnte der Apartheid.
Um vor weiteren Übergriffen geschützt zu sein, bietet die Alleinstehende
dem schwarzen Tagelöhner Petrus ihr Land an. Dafür soll er die Schwangere
als „Zweitfrau“ heiraten. Lurie dagegen sucht seine Erlösung, indem
er sich der geschundenen Kreatur zuwendet. Er hilft in einem Tierheim
beim Einschläfern von ausgesetzten Hunden.
Im grellen, gnadenlos leuchtenden
Licht des Südens legt der Film in ruhigen kontemplativ klaren Bildern
schonungslos die Albträume der Südafrikaner bloß. Aber auch ihre
seelischen Deformationen durch ein rassisches Kastenwesen aus der
Vergangenheit. Schicht um Schicht. Mit „Schande“ erreicht der australische
Regisseur Stephen Jacobs eine Ebene, unter der zunächst nur noch
immer währende Trostlosigkeit zu liegen scheint. Beeindruckend gelingt
es dem 42jährigen mit den Mitteln des klassischen, linearen Erzählkinos
die unleugbare Kraft dieses preisgekrönten bestürzenden Monuments
der literarischen Ratlosigkeit, voller Metaphern und verschiedener
Erzählebenen, auf die Leinwand zu bannen.
Bestechend verkörpert dabei
Oscarpreisträger John Malkovich die tragische Hauptfigur, den in
Ungnade gefallenen, der alle seine Rollen verliert und verzweifelt
nach neuen sucht. Unerbittlich raubte ihm das Alter seinen Nimbus
als Frauenverführer, aber auch seine Vater-Tochter-Beziehung trägt
nicht. Seine vielschichtige Ästhetik des Scheiterns vor der atemberaubenden
Kulisse der südafrikanischen Landschaft gleicht einer emotionalen
wie intellektuellen Tour de Force - für den Protagonisten ebenso
wie für den Zuschauer.
„Es ging mir“, verrät Jessica Haines, „um ihren
elementaren Kampf zwischen Gefühl und Vernunft“. Obwohl die Newcomerin
mit diesem komplexen Epos ihr internationales Leinwanddebüt feiert,
spielt die 30jährige Südafrikanerin neben der Ikone Malkovich unglaublich
professionell. Bravourös meistert die Theaterschauspielerin ihren
Auftritt vor der Kamera. Ihre Mimik und Gestik wirken jederzeit überzeugend
und perfekt in Szene gesetzt.
Coetzee selbst aber, der zweiflerische
Philologe und Schriftsteller, war mit der Drehbuchfassung seines
preisgekröntem Romans, der ihm einst vom ANC (African National Congress)
den Vorwurf des Rassismus einbrachte, sofort einverstanden. Der Bure
verließ inzwischen Südafrika. Seit 2002 lebt der 69jährige in Adelaide
in Australien und lehrt dort sowie an der Universität von Chicago
Literaturwissenschaft.
|