Der neue Film von Thomas Kronthaler ('Die Scheinheiligen')
Von den Alpen bis zu den Anden
spannt Regisseur Thomas Kronthaler seine bis ins Detail einfühlsame
Geschichte über Fernweh, Verrat, Enttäuschung und eine Liebe, die
Raum und Zeit überwindet. Nach seiner fulminanten Heimatgroteske
„Die Scheinheiligen“ gelingt dem 42jährigen Oberbayern märchenhaft-poetisches
Erzählkino mit einem wunderbaren Schuss lateinamerikanischen magischen
Realismus. Das verdankt der ehemalige Werkzeugmacher freilich nicht
zuletzt der stimmigen Buchvorlage von Stefanie Kremser sowie der
überwältigenden Landschaftskulisse im bolivianischen Hochland.
"Sommerkino vom feinsten, das dem Leitmotiv der neuen bayerischen Heimatfilme,
Raus aus Enge und Zwang, alle Ehre macht."
programmkino.de
Deutschland,
Bolivien 2009 - 100 Min.; ab 12;
Regie: Thomas Kronthaler;
Darsteller:
Júlia Hernández Fortunato, Friedrich Mücke,Carla Ortiz, Agar Delos,
Camila Andrea Guzmán Arteaga, Florian Brückner,Luis Bredow, Teresa
Gutiérrez, Rosa Ríos, Jorge Manaoca, Salvador del Solar.
„Oiso dann, Pfiat eich“, winkt Alois Bichl ein letztes
Mal der Blaskapelle zu. Dann versinkt der 22jährige in seiner Krachledernen
und seinen derbledernen Haferlschuhen im stahlblauen, kristallklaren
Wasser des bayerischen Gebirgssees. Fest umklammert seine Hand ein
kleines Lederköfferchen, vollgepackt mit einer modernen Errungenschaft:
Aspirin. Seine märchenhafte Unterwasserreise führt den vom Fernweh
geplagten Aspirinvertreter bis ins Herz Lateinamerikas. Im sagenumwobenen
Titicacasee, fast auf 4 000 Metern Höhe, taucht der blonde kernige
Bursch glücklich wieder auf. Jahre später sitzt seine Enkelin Alfonsina
(Júlia Hernández Fortunato) am Ufer mit ihrer besten Freundin Tere.
Sehnsüchtig
träumt auch sie von fremden Ländern. „Dieses Bayern, will Tere von
ihr wissen. „wo liegt es denn nun eigentlich?“ Das wiederum kann
auch die 14-jährige nicht so genau sagen, die zusammen mit ihrer
Mutter Rosa und ihrer Großmutter Elena (Agar Delos) in Copacabana,
dem bedeutendsten Wallfahrtsort Boliviens lebt. Aber eine Geschichte
muss gut klingen, dann hat sie Zuhörer. Ob sie nun wahr ist oder
nicht, heißt es bei den Einheimischen. Die romantische Liebesgeschichte
von Alfonsinas bayerischen Großvater Alois, der sich in das Indiomädchen
Elena verliebt und mit ihr eine Apotheke eröffnet, ist jedenfalls
wunderschön romantisch. Wer fragt da noch, ob das alles wirklich
so passiert ist?
Schließlich ist Elena eine außergewöhnliche Großmutter.
Nicht nur, weil sie stets ein bayerisches Dirndl trägt mitten im
bolivianischen Hochland. Und da sich Geschichten manchmal fast wiederholen,
trifft Alfonsina den Münchner Ornithologiestudenten Daniel (Friedrich
Mücke). Während Großmutter Elena verständnisvoll reagiert und für
den „Zugroasten“ sogar Semmelknödeln kocht, ist Mutter Rosa weniger
begeistert von den Abenteuern ihrer Tochter. Als jedoch der smarte
Geschäftsmann Felipe (Salavador del Solar) aus La Paz auftaucht,
ändert das alles. Ohne dass die drei Frauen es ahnen, haben für sie
die letzten gemeinsamen Tage begonnen.
Besonders die bolivianische
Schauspielerin und Indigena Agar Delós als Großmutter Elena bezaubert
in dieser reizvollen Story über drei Frauengenerationen unter einem
Dach durch ihre aufrechte Würde und Grandezza. Mit seiner sensiblen
Dramaturgie erinnert das sehenswerte Feel-Good-Movie streckenweise
an die herzerfrischende Coming-of-Age Geschichte „Real Women have
Curves“, dem Publikumsliebling des Sundance Festivals 2002. Die Chemie
zwischen den weiblichen Hauptdarstellern funktioniert blendend.
Vor
der exotischen Kulisse Südamerikas expandiert der filmische Kosmos
des oberbayerischen Regisseurs Thomas Kronthaler zwischen Magie und
Moderne beherzt weiter. Mutig wagt der Absolvent der Münchener Filmhochschule
in etlichen Sequenzen Elemente eines märchenhaften Realismus als
Stilmittel. Da Kronthaler die Motive unprätentiös in das Geschehen
einflicht, driftet sein zärtlich-phantastischer Film in keinem Moment
peinlich in sentimentalen Kitsch und Herz-Schmerz ab. Vielmehr entstehen
dabei poetisch-malerische Bilder von gewinnendem Charme.
In seiner
gelungenen Mischung aus realistischen Szenen und phantastischen Momenten
reicht sein Film teilweise sogar fast an die großen Vorbildern des
lateinamerikanischen Kinos wie „Das Geisterhaus" oder „Bittersüße
Schokolade" heran. Christof Oefeleins Kamera schwelgt dabei
in satten Farben und entfaltet eine im deutschen Kino seltene visuelle
Pracht.
Sommerkino vom feinsten, das dem Leitmotiv der neuen bayerischen
Heimatfilme, Raus aus Enge und Zwang, alle Ehre macht.