In seiner eindringlichen Psychostudie „Shame“ über Beziehungsunfähigkeit und Einsamkeit zeigt Videokünstler Steve McQueen beunruhigend, wie sich ein Mensch, gefangen in seiner Sexualität, haltlos verliert. Brillant verkörpert der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender dabei einen New Yorker Großstadthelden, der ständig nach der schnellen Befriedigung giert. Nicht umsonst wurde der 34jährige Charakterdarsteller mit der nonchalanten Ausstrahlung eines Gentlemans dafür auf dem Filmfest Venedig mit der Coppa Volpi als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet und bereits als Oscar-Kandidat gehandelt. |
USA 2011 - 100 Min.; ab 16;
Regie: Steve McQueen;
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Hannah Ware, Amy Hargreaves, Nicole Beharie, Mari-Ange Ramirez, Alex Manette, Elizabeth Masucci, Rachel Farrar.
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Wenn jemand aus der bildenden Kunst ins Filmfach wechselt, kommen nicht selten überfrachtete Filme heraus. Nicht so bei dem britischen Quereinsteiger und Turner-Preisträger Steve Mc Queen. Bereits sein Regiedebüt „Hunger“ über den Hungerstreik des IRA-Aktivisten Bobby Sands war unglaublich fesselnd. Für seinen Hauptdarsteller Michael Fassbender bedeutete das klaustrophobische Kammerspiel, das die Qualen der Haft und den unbedingten Willen der Gefangenen weiterzumachen beinahe wortlos erzählt, eine körperliche Tour de Force. Diesmal zeigt der britische Regisseur seinen Helden zwar in Freiheit. Das Gefängnis für Körper und Seele heißt jetzt jedoch: Zwanghafte Sexualität, die ihn fast zerstört. Formale Kühnheiten, wie die sehr lange Gesprächsszene in „Hunger“ versagte sich McQueen. Sein Vertrauen zu Fassbenders grandioser Schauspielleistung ist freilich erneut mehr als gerechtfertigt.
Der 30jährige Brandon (Michael Fassbender) wirkt nach außen hin erfolgreich. Willkürlich verführt der attraktive New Yorker Yuppie wahllos Frauen. Da er keine emotionale Nähe aushält flüchtet er in schnellen Sex mit Unbekannten, kauft sich Prostituierte, konsumiert Internetpornos. Um seine Sucht loszuwerden joggt der einsame Midnight Cowboy verzweifelt durch die nächtliche Stadt. Vergeblich. Seine harten Wutausbrüche richten sich gegen seine jüngere Schwester (Carey Mulligan), die sich bei ihm einquartiert. Er hasst es, dass sie ihre Schwächen zeigt, glaubt an ihrer Zuneigung zu ersticken. Als sie in einer Bar eine traumhaft traurige Version von „New York, New York“ singt, durchbricht sie für einen Moment seinen emotionalen Panzer.
„Ich fühle mich wohl in meiner Haut“, sagt Fassbender. „Deshalb macht es mir nichts aus, beim Sex in ,Shame' hässlich auszusehen.“ Der 34jährige liest Drehbücher wieder und wieder, bereitet sich akribisch vor – um sich dann in die Rolle wie in ein Extremabenteuer zu stürzen. Nicht zuletzt deshalb gilt der Deutsch-Ire als große Hoffnung unter den Charakterdarstellern. Mit „Inglourious Basterds“ und „X-Men: Erste Entscheidung“ landete er bereits zwei beachtliche Publikumserfolge. „Die Körpersprache ist mein wichtigstes Werkzeug“, erklärt der in Heidelberg geborene Schauspieler. „Mit ihr kann ich den Gemütszustand eines Menschen besser zum Ausdruck bringen als mit einer Dialogzeile.“ Seine nonchalante Ausstrahlung eines Gentlemans, gepaart mit irischem Raubein und deutscher Akkuratesse kommt derzeit gut an. Kein Wunder, dass er bereits für einen Oscar im Gespräch ist. Das und die Rolle als neuer Bond würde ihn endlich in die erste Liga Hollywoods katapultieren.
Regisseur Steve McQueen zeigt alles, ohne es je voyeuristisch auszustellen. Seine kühlen Bilder eines leeren, gefühlskalten Lebens, die dennoch wohlkomponiert sind verraten seine große Stilsicherheit. Sein Faible für lange Einstellungen in Schlüsselszenen zahlt sich nach „Hunger“ einmal mehr aus. Eine selten intime Dialogszene zwischen Bruder und Schwester wirkt fast wie sein Kommentar zur sexualisierten Gesellschaft, der die transzendierende Kraft fehlt. Übrig bleibt das wahnsinnig-verzweifelte Suchen nach dem Körper, dem eigenen und dem des anderen, in einer fremd gewordenen Welt. Ein Abgesang auf die moderne Gesellschaft, der an Bertoluccis Kult-Klassiker „Der letzte Tango“ erinnert. Auch seine Figuren, wurden zu deformierten, schmerzerfüllten Kreaturen, auf der Suche nach Freiheit und Identität.
Luitgard Koch (programmkino.de) |