Er gilt als einer der besten Seismographen
amerikanischer Befindlichkeiten. Nach Post-Vietnam-Trauma ("Der
Eissturm"), Bürgerkrieg ("Ride with the devil") und
Schwulendrama ("Brokeback Mountain"), widmet sich der vielfach
preisgekrönte Taiwanese Ang Lee auf gewohnt gekonnte Art dem legendären
„Love & Peace“-Happening Woodstock. Basierend auf der Autobiographie
von Elliot Tiber erzählt er von einem jungen, naiven Künstler, der
eigentlich nur das finanzklamme Motel seiner Eltern retten will –
und dabei fast unfreiwillig das legendärste aller Open Air-Konzerte
anzettelt. Ein ebenso charmanter wie warmherziger Nostalgietrip in
jene gute alte Zeit, als Träume und Vision scheinbar noch einfach
ganz einfach waren. Hübsche Hippie-Seligkeit als cineastisches Antidepressivum
gegen Web 2.0-Stress, Öko-Trauma und globale Finanzkrise.
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USA
2009 - 110 Min.; ab 12;
Regie: Ang Lee;
Darsteller:
Demetri Martin, Imelda Staunton, Henry Goodman, Emile Hirsch, Jeffrey
Dean Morgan, Liev Schreiber, Dan Fogler, Jonathan Groff, Kelli Garner,
Eugene Levy, Paul Dano.
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Weil das Motel seiner Eltern kurz vor dem Konkurs
steht, kehrt der junge Elliot (Demetri Martin) aus der Metropole
in die Provinz zurück. Während die grantelnde Mama die letzten Gäste
verschreckt, bekommt der Sohn beim Zeitung lesen spontan die rettende
Idee: Die Veranstalter eines Open Air-Konzerts haben gerade die Konzession
für ihr geplantes Gelände verloren und suchen händeringend nach Ersatz
– die Sumpfwiese hinter dem elterlichen Grundstück wäre dafür doch
ideal, denkt sich Elliot. Als Leiter der lokalen Handelskammer verfügt
er schließlich über die offizielle Lizenz für ein jährliches Musikfestival.
Welche ungeheure Lawine er damit auslösen wird, kann der naive Held
freilich beim besten Willen kaum ahnen. Bald belagern die ersten
Vorauskommandos das kleine Kaff. Während die einen noch die dörfliche
Moral und Ordnung durch die drohende Hippie-Invasion gefährdet sehen,
wittern die anderen längst lukrative Einnahmequellen. Die Bar boomt,
das Motel ist ausverkauft – selbst Elliots notorisch nörgelnde Mutter
scheint dank Dollar-Segen ausnahmsweise zufrieden. Für den kleinen
Helden wachsen derweil die Probleme: Erst wollen fiese Mafiosi mitkassieren,
dann pochen kleinkarierte Beamte auf Vorschriften. Als Elliot schließlich
leicht bekifft bei einer Pressekonferenz etwas leichtsinnig kostenlosen
Eintritt verspricht, kennt der Ansturm der Massen keine Grenzen mehr:
Mehr als eine halbe Millionen Musikfans und Hippies werden sich auf
den Weg machen, um das größte Happening aller Zeiten zu feiern. Das
allgemeine „Love & Peace“-Feeling wirkt auch für Elliot ansteckend
und lässt ihn ganz neue Ufern betreten – das er vom eigentlichen
Konzert kaum noch etwas mitbekommt, ist da letztlich fast schon egal.
Fröhlich,
beschwingt und vor allem ohne jeden Zynismus erzählt Ang Lee von
seinem naiven Helden, der nicht umsonst bereits mit seiner Frisur
an Dustin Hoffman aus der „Reifeprüfung“ erinnert. Wie einst jener
Benjamin stolpert nun Elliot beim Erwachsenwerden als Prototyp eines
Idealisten tapsig, trotzig und tapfer über allerlei Hürden der Realität.
Nur, dass die Liebe des Spätzünders diesmal nicht einer älteren Frau,
sondern einem rustikalen Zimmermann gilt - Coming-of-Age trifft auf
Coming Out. Die kleine schwule Lovestory erzählt Lee mit angenehmer
Leichtigkeit fast nebenbei, ein paar Pinselstriche – das genügt.
Ähnlich minimalistisch schildert er die Beziehung der Eltern. Warum
sich der unterdrückte Vater von seiner kauzigen Gattin jahrzehntelang
klaglos alles gefallen lässt? „Weil ich sie eben liebe“, antwortet
dieser mit keineswegs unglücklicher Überzeugung.
„Der Tisch ist hübsch
angerichtet, aber das Menü wird nicht serviert“, klagten Kritiker
in Cannes und bemängelten, dass vom eigentlichen Konzert so gut wie
gar nichts zu sehen und zu hören wäre. Und wo blieben der Dreck,
die Drogen, das Chaos und der Mangel an sanitären Anlagen? Genau
das jedoch ist der Coup des Ang Lee, eleganter kann man sich, 40
Jahre später, diesem Mythos kaum nähern: ein entferntes Leuchten
in der Ferne. Ganz bewusst liefert „Taking Woodstook“ kein „Woodstock“-Reloaded,
keinen Aufguss jener pompösen Dokumentation von Michael Wadleigh,
die Scorsese einst oscarreif geschnitten hat. Mit nostalgischen Split-Screen-Einstellungen
und körnigen Bildern wird der berühmten Vorlage zwar Reverenz erwiesen,
doch Lee will keine Denkmalpflege betreiben. Er nutzt Woodstock lieber
als atmosphärisch dichte Kulisse für ein Kaleidoskop faszinierend
schillernder Figuren: Die einen etwas schräg, die anderen ziemlich
bodenständig. Wie gewohnt gewinnt der Taiwanese die Herzen der Zuschauer
durch den geradezu zärtliche Umgang mit seinen Figuren: Man mag sie
aller Macken und Neurosen zum Trotz ganz einfach, zumal sie so unaufdringlich
punktgenau gespielt werden: Ob Emile Hirsch als übercooler ‚Peace & Cash’-Guru
Billy, Imelda Staunton als grandios kratzbürstige Mutter, Liev Schreiber
als knallharter Travestie-Bodyguard oder Comedy-Star und Kino-Newcomer
Demetri Martin als treuherziger Elliot, der staunend durch das Woodstock-Wunderland
stolpert. Zum Mitstaunen ist auch das Publikum eingeladen: Sei es
beim selbstironisch psychedelischen Sex-and-Drugs-Trip im bunten
VW-Bus oder wenn Elliot auf dem Rücksitz eines Polizeimotorrads mit
untertourigem Knattern gemächlich durch den schier endlos langen
Hippie-Treck tuckert – und ihn die Kamera mit scheinbarer Leichtigkeit
parallel dazu begleitet. Hier erlebt man diese Armada aus langhaarigen,
handylosen Hippie-Statisten ganz hautnah mit: mittendrin und nicht
nur daneben. Passend zum 40sten Woodstock-Jubiläum im Herbst präsentiert
Lee eine farbenfrohe, luftig leicht gerührte „Das waren noch Zeiten”-Geburtstagstorte
mit allerlei Wunderkerzen, zynismusfreier Zuckerguss und ganz ohne
Kitsch-Kalorien.
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