D 2009
- 104 Min.; ab 12;
Regie: Bettina Oberli;
Darsteller: Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Brigitte
Hobmeier, Filip Peeters, Gundi Ellert, Lisa Kreutzer, Vitus Zeplichal,
Janina Stopper, Andreas Buntscheck, Bernd Tauber, Nils Althaus.
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Schwarze Wolken jagen dräuend über den Himmel. Im
nebelverhangenen düsteren Tannenwald steht ein verwittertes Flurkreuz
am Wegesrand. Spärlich dringt das Licht durch die Bäume. Aus dem
Off erklingt der sonore Singsang der katholischen Litanei zum Troste
der armen Seelen. Ein gebeugter Frauennacken, die Hände umwickelt
mit dem Rosenkranz. „Heilige Gottesgebärerin bitte für sie, sei ihnen
gnädig, verschone sie o Herr, sei ihnen gnädig, erlöse sie o Herr“.
Dann ein harter Schnitt. Lautlos schreiend rennt ein junger Mann
die Dorfstraße entlang.
Schon die ersten grandiosen Bilder vermitteln mit emotionaler Wucht,
dass hinter der Idylle Unheil lauert. Wie aus der Chronik eines angekündigten
Todes lassen sie ahnen, dass sich unausweichlich, ohne jedes Erbarmen,
schreckliches anbahnt. Von Anfang an baut die unheimliche Atmosphäre
Spannung auf. In verschachtelten Rückblenden, kunstvollen Parallelmontagen
durchbrochen von schlaglichtartigen Szenen zeigt sich das alptraumhafte
Gesicht des abgründigen Grauens.
Sie galten als eigenbrötlerisch und verschlossen. Der tyrannische
alte Bauer Danner (Vitus Zeplichal), seine verhärmte Frau (Lisa Kreuzer),
die verwitwete Tochter Barbara (Brigitte Hobmeier) mit ihren beiden
acht- und zweieinhalbjährigen Kindern Marianne und Josef. Hausten
auf einem abgelegenen, verwahrlosten Hof. Hüteten ein dunkles Geheimnis,
von dem alle wussten: Die Kinder der Tochter Barbara stammten von
Danner. Nach einem nächtlichen Gewittersturm sind sie tot: der finstere
Bauer, seine verhärmte alte Frau, die Tochter mit den beiden Kindern,
die neue Magd Maria Krieger (Dagmar Sachse). Brutal erschlagen mit
einer Spitzhacke. Die verstümmelten Leichen versteckt im Stroh.
Der Teufel scheint nach diesem Blutbad Mitte der 50er Jahre in der
scheinbaren Dorfidylle Einkehr gehalten zu haben. Unerkannt weilt
er noch immer unter den streng gläubigen Bewohnern. Einige Jahre
nach dem ungeklärten Mord auf dem abgelegenen Hof Tannöd kehrt Kathrin
(Julia Jentsch) an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihre Mutter
zu beerdigen. Vom Mörder fehlt immer noch jede Spur. Doch mehr und
mehr verstrickt sich die 26jährige Krankenschwester im traumatischen
Beziehungsgeflecht aus Lügen und Doppelmoral. Unter den Habseligkeiten
ihrer Mutter findet sie Briefe an den ermordeten Danner. Der reiche
Bauer schuldete der Verstorbenen Geld. Grund: Nie bezahlte Alimente.
Die Verfilmung von Andrea Schinkels preisgekröntem Bestseller „Tannöd“
ist eine drastische, großteils glänzend gespielte und optisch mit
mystischen Naturalismus versetzte Bauerntragödie, über verdrängte
Schuld und Verantwortung, bornierte Engstirnigkeit und menschliche
Abgründe. Einer der geheimnisvollsten Fälle der bayerischen Kriminalgeschichte,
der Aufsehen erregende Sechsfachmord von Hinterkaifeck aus den zwanziger
Jahren. sorgt damit weiterhin für Furore. Hellsichtig zeigt der Film
wie Wegschauen, Lügen und Schweigen den Nährboden für Verbrechen
bereitet. Erstaunlich überzeugend inszeniert Regisseurin Bettina
Oberli in ihrem psychologischen Drama samt kriminalistischer Elemente
bigotte gesellschaftliche Strukturen.
Einmal mehr beweist die zweifache Mutter ihr Talent für atmosphärisch
dichtes Erzählen. Selbst die Handlung des Romans durch die Figur
der jungen Kathrin zu erweitern, aus deren Perspektive der Zuschauer
die Dorfenge erlebt, trägt. Lediglich die streckenweise etwas unmotiviert
hektische Kameraführung irritiert. Denn die vielschichtig komplexen
Bilder sprechen für sich. „Alle Fürbitten und Gebete nützen nichts“,
sagt die 36-jährige Schweizerin, die mit „Die Herbstzeitlosen" vor
zwei Jahren den erfolgreichsten Kinohit ihres Landes nach „Die Schweizermacher“
drehte, „ solange der Mensch sein Verhalten nicht ändert“. Ihre universelle
Parabel über Gut und Böse richtet sich zugleich gegen fanatisches
Denken.
Vor allem die geniale Schauspielleistung der zu früh verstorbenen
Grande Dame der Theater- und Filmwelt Monica Bleibtreu machen den
packenden Mord-Thriller zusätzlich sehenswert. Mit Leib und Seele
verkörpert sie als Traudl Krieger, die Schwester der ermordeten Magd
vom Dannerhof, das schlechte Gewissen des Dorfes, die personifizierte
Schuld, eine geschmähte Kassandra. Ein weiteres Highlight neben der
charismatischen Akteurin bietet das herausragend ambitionierte Spiel
von Brigitte Hobmeier. Längst zählt die attraktive Münchnerin zur
ersten Garde unter Deutschlands Theaterdarstellerinnen und machte
sich auch auf der Leinwand einen Namen als ernstzunehmende Schauspielerin.
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