Jules und Nic sind seit Jahren ein glückliches lesbisches Paar, mit der 18-jährigen Joni und dem 15-jährigen Laser haben sie zwei aufgeweckte Kids, mit denen sie in Los Angeles leben. Unruhe in ihr ereignisloses Dasein bringt die Erkenntnis, dass ihre Kinder ohne ihr Wissen Kontakt zu ihrem biologischen Vater aufgenommen und ihn zu sich nach Hause eingeladen haben. Die Ankunft des alten Hippies Paul bringt Nic auf die Palme, zumal er Jules schnell verspricht, ihr bei ihren bislang wenig erfolgreichen Versuchen als Landschaftsgärtnerin unter die Arme zu greifen - und vielleicht nicht nur da. Konfrontationen scheinen unausweichlich. Sieben Jahre nach ihrem wunderbaren "Laurel Canyon" kehrt Lisa Cholodenko mit ihrem bislang aufwendigsten Film zu den versprengten Künstlerenklaven im Einzugsgebiet von Los Angeles zurück. Stärker als in ihren bisherigen Filmen überwiegt trotz der durchaus ernsten Thematik ein komödiantischer Ton, der auch einem Mainstreampublikum sofort Zugang zu der ungewöhnlichen Figurenkonstellation ermöglicht. Julianne Moore und Annette Bening sind hinreißend als etwas eingefahrenes Lesbenpaar, Mark Ruffalo unwiderstehlich als Mann, der die Konventionen unerwartet aufwirbelt.

USA 2010 - 106 Min.; ab 12;
Regie: Lisa Cholodenko;
Darsteller: Annette Bening, Julianne Moore, Mark Ruffalo, Mia Wasikowska, Josh Hutcherson, Yaya DaCosta, Kunal Sharma, Eddie Hassell, Zosia Mamet, Joaquín Garrido.

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Von Bio-Dads und Lesben-Moms erzählt Lisa Cholodenko in ihrem geistreichen Homo-Hetero-Spaß, in dem Annette Bening und Julianne Moore eine Ehekrise durchleben.
Kuschelig haben sie es sich eingerichtet, das lesbische Paar Nic und Jules, das sich bereits aus Universitätstagen kennt und die sich Pony und Hühnchen nennen, wenn niemand anderer zuhört. Nic, souverän unterkühlt gespielt von Annette Bening ("American Beauty"), die im Film aussieht wie Regisseurin Lisa Cholodenko ("Laurel Canyon") im richtigen Leben, hat die Hosen an und garantiert mit ihrem Medizinergehalt das sorgenfreie Leben, Jules (liebenswerte Glucke mit Sexappeal: Julianne Moore) ist der mütterliche Typ - wehender Rotschopf, besorgter Blick - und somit für den Haushalt zuständig. Die Muster-Familie komplettieren die 18-jährige Joni (Mia Wasikowska, die "Alice" aus Tim Burtons "Wunderland") und der 15-jährige Laser (Josh Hutcherson). Letzter will seinen "Bio-Dad", sprich Samenspender, kennen lernen, was den knackigen Biogärtner/Kneipier Paul (Mark Ruffalo) auf den Plan ruft und in der Folge für jede Menge hormonelle Aufruhr sorgt.
"The Kids Are All Right" nennt Cholodenko ihren bislang komödiantischsten Film, zu dem sie zusammen mit Stuart Blumberg ("The Girl Next Door") das Drehbuch verfasste und der trotz ernsten Grundthemas eindeutig (auch) auf ein Mainstream-Publikum zielt. Der Titel ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu nehmen, denn der Nachwuchs kommt mit dem neuen, Motorrad-fahrenden Papa wunderbar klar, nur die beiden älteren Mädels haben mit dem virilen Hetero so ihre Probleme. Nic beäugt ihn misstrauisch, erweist sich als Meisterin der spitzen Zunge und versteckt sich hinter Tiraden von four letter words, während Jules das Objekt der Begierde dem handfesten Praxistest unterzieht - und weil der Mann (be-)steht, wird gleich fröhlich jauchzend das Kamasutra durchexerziert. Das ist doch besser als sich wie sonst gelegentlich mit schwulen Männerpornos in Stimmung zu bringen.
Homo oder hetero, das ist hier die Frage, die sich dann aber wegen der unkontrollierbaren Libido gar nicht so einfach beantworten lässt. Um Lebensentwürfe geht es, um (traditionelle) Familienmodelle, aber auch um Sorgen auf hohem Niveau. Geld spielt keine Rolle und in den von Igor Jadue-Lillo ("Per Anhalter durch die Galaxis") anheimelnd fotografierten Künstlerenklaven von Los Angeles lässt es sich gut aushalten. Die Frauen sind klug, die Jungs kantig und ein wenig doof. Sagt eine der Moms beispielsweise zu Laser: "Schade, dass du nicht schwul bist, dann wärst du sensibler." Das könnte sich auch Paul hinter die Ohren schreiben, der ein überzeugtes Single-Dasein pflegt, definitiv zu wenig Knöpfe am Hemd schließt und Bildung eher für überschätzen Luxus hält. Klassische Hollywood-Geschlechterverteilungen werden hier lustvoll auf den Kopf gestellt, geschickt und intelligent Klischees gebrochen. Auf der 60. Berlinale war der hintersinnige Spaß der schwul-lesbischen Jury einen Teddy Award wert - Grund genug, den Film wärmstens weiter zu empfehlen.