Um über ein gebrochenes Herz hinwegzukommen,
reist der Amerikaner Frank nach Europa. Immer wieder kreuzen sich
scheinbar zufällig seine Wege mit der mysteriösen Elise, mit der
Frank alsbald zu flirten beginnt. Doch die Romanze hat unerwartete
Nebeneffekte: Mit einem Mal heften sich Polizei, Geheimdienste und
das organisierte Verbrechen an die Fersen des ahnungslosen Mannes:
Frank wird wegen seiner Kontakte zu Elise für einen europaweit gesuchten
Verbrecher gehalten. Erster Hollywoodfilm von Florian Henckel von
Donnersmarck, seine erste Regiearbeit seit seinem Oscar-Triumph mit "Das
Leben der Anderen": In dem US-Remake der französischen Hitchcock-Hommage "Fluchtpunkt
Nizza" (2005) erweist sich der deutsche Filmemacher abermals
als souveräner, absolut stilsicherer Filmemacher, der es versteht,
seine charmant aufspielenden Stars (Johnny Depp, Angelina Jolie)
ebenso strahlend in Szene zu setzen wie die handverlesenen Locations
in Paris und Venedig. Old School wirkte selten so sinnlich und modern
wie hier.
USA
2010 -
103 Min.; ab 12;
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck;
Darsteller: Angelina Jolie, Johnny Depp, Paul Bettany, Timothy Dalton,
Steven Berkoff, Rufus Sewell, Ralf Moeller, Raoul Bova, Julien Baumgartner,
François Vincentelli, Clément Sibony.
Verhuscht, verwirrt, verlegen: Wenn Angelina Jolie
sich unvermittelt in einem Zugabteil neben einen setzen würde, bekämen
wohl selbst Hardcore-Machos einen nicht enden wollenden Stotteranfall.
Für einen netten Typen von der Straße läge diese Situation wohl nah
am Herzinfarkt. Und genau so einen Normalo spielt Johnny Depp in
diesem US-Remake des französischen Thrillers "Anthony Zimmer" (auch
bekannt unter dem Titel "Fluchtpunkt Nizza"). In dem Heist-Krimi
- einem Filmgenre, in dem es in erster Linie um die Planung und Durchführung
von raffinierten Coups geht - mimt der "Fluch der Karibik"-Pirat
den amerikanischen Mathelehrer Frank Tupelo. Auf einer Europareise
sucht der Witwer Frieden, um sein gebrochenes Herz zu heilen. Als
er im Schnellzug von Paris nach Venedig die mysteriöse Elise Ward
(Angelina Jolie) kennenlernt, ist es mit der Ruhe allerdings vorbei.
Nach einem Crashkurs in Sachen Anmache - "Wenn Sie etwas von
einer Frau wollen, stellen Sie ihr niemals eine Frage" - nimmt
die grazile Schönheit den unscheinbaren Provinzler ohne Umschweife
mit auf ihr Zimmer im exquisiten Luxushotel Danieli. Und lässt ihn
die ganze Nacht auf dem Sofa zappeln. Am nächsten Tag ist sie verschwunden.
Dafür steht plötzlich eine Gruppe von russischen Quadratschädelschlägern
auf der Matte und eröffnen unvermittelt das Feuer auf Frank. Ohne
es zu ahnen, befindet sich Tupelo mitten in einem aufreibenden Katz-und-Maus-Spiel.
Denn plötzlich halten ihn sowohl der Agent des britischen Finanzministeriums
Acheson (Paul Bettany) als auch der skrupellose und unberechenbare
Milliardär Shaw (Steven Berkoff) für Elises Geliebten, den Meisterdieb
Alexander Pearce. Seinen zweiten Film legte der deutsche Oscar-Preisträger
Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen")
als atmosphärische Hommage an romantische Krimiklassiker wie "Über
den Dächern von Nizza" oder "Charade" an. Dafür konnte
er mit Angelina Jolie und Johnny Depp zwei der größten Hollywood-Stars
unserer Zeit gewinnen. mehr Um diesen Glamourfaktor noch zu unterstreichen,
wählte der in Köln geborene Filmemacher einen der schönsten Orte
der Welt als Kulisse: Venedig. Noch nie wurde die vor über 1500 Jahren
erbaute Metropole an der Adriatischen Küste, die sich über rund 118
Inseln erstreckt, mit ihren 150 Kanälen und 400 Brücken derart harmonisch
und pittoresk auf die Leinwand gebannt. Sechs Monate lang drehte
das Filmteam hier an rund 50 Locations, und besser kann man eine
Stadt als dritte Hauptfigur nicht in Szene setzen. Inmitten dieser
malerischen Umgebung schickt der 37-jährige Regie-Gondoliere Johnny
Depp und Angelina Jolie in ein gediegen konstruiertes Dickicht aus
Lügen, Korruption und Leidenschaft. Selbstredend, dass Jolie dabei
die fleischgewordene Versuchung verkörpert. Und von Donnersmarck
kann seine Begeisterung für die sechsfache Mutter nicht verhehlen:
Fasziniert klebt die Kamera an der Schmollmundsamariterin und folgt
ihr auf Schritt und Tritt. "Sie sind die am wenigsten am Boden
gebliebene Frau, die ich je getroffen habe", sagt Johnny Depp
an einer Stelle zu ihr. Womit er wohl eher seinem Regisseur aus der
Seele spricht. Wenn sich allerdings in der x-ten Szene mit der Oscar-Preisträgerin
die x-ten Komparsen mit offenem Mund nach ihr umdrehen, wirkt diese
Bewunderung unfreiwillig komisch. Die Konzentration auf Angelina
Jolie und die verhängnisvolle Liaison der beiden Hauptfiguren geht
zudem nicht selten zulasten des Tempos. Während im Original von 2005
mit Sophie Marceau und Yvan Attal schwungvoller Krimiesprit versprüht
wurde, streut von Donnersmarck nur eine Handvoll Actionszenen ein.
Dafür sind diese elegant gefilmt und sorgen für so manchen Schmunzler:
Ob die Verfolgungsjagden per Boot durch die engen Kanäle oder eine
Flucht über die Dächer von Venedig: Der Spagat zwischen Spannung
und Komödie gelingt ohne Probleme. Wenn Johnny Depp etwa im Pyjama
vor einer Bande Gangster über die vor sich hin bröckelnden Zinnen
flüchtet, fühlt man sich unweigerlich an seine Rolle in der Liebesschmonzette "Don
Juan De Marco" oder an Giacomo Casanova erinnert - jenen barocken
Womanizer, der im 18. Jahrhundert die Damen der Lagunenmetropole
reihenweise beglückte und den gehörnten Ehemännern nicht nur einmal
spektakulär entkam. Wenngleich der charismatische Star hier eher
den Anti-Casanova mit einer Prise Jack Sparrow, sein Alter Ego aus
den "Fluch der Karibik"-Abenteuern, gibt. Das Ende einer
Flucht hätte für den ultimativen Frauenhelden des Rokoko wohl kaum
in einem venezianischen Gemüsestand geendet. Trotz dieser Einlagen: "The
Tourist" ist kein kurzweiliger Blockbusterthrill, der mit explosiven
Schauwerten das Adrenalin sprudeln lässt. Vielmehr ist der Film eine
distinguierte und geruhsam erzählte Liebeserklärung an die Lagunenstadt
und das Hollywood-Kino der 50er- und 60er- Jahre - geschmackvoll,
kultiviert und glamourös.