Man kann sagen: „Tournee“ handelt
von einer bizarren amerikanischen Burlesque-Truppe, die durch Frankreich
tingelt. Man kann aber auch sagen: Es gibt eigentlich keine Geschichte,
es gibt nur das Herumziehen, das stets weitergeht, wie diffus auch
immer. Mathieu Amalric, der als Autor, Regisseur und männlicher Hauptdarsteller
sämtliche künstlerischen Freiheiten auf sich vereinigt, nimmt den
Zuschauer buchstäblich mit auf eine Reise, bei der er weniger eine
Geschichte erzählen als ein Gefühl vermitteln will: das Gefühl des
Unterwegsseins, mit dem er das Leben auf und jenseits der Bühne in
allen Facetten zu fassen versucht.
F 2010
- 111 Min.; ab 12;
Regie: Mathieu Amalric;
Darsteller: Mathieu Amalric, Mimi Le Meaux, Dirty Martini, Roky Roulette,
Kitten on the Keys, Evie Lovelle, Julie Atlas Muz, Angela De Lorenzo,
Alexander Craven, Damien Odoul.
Die Geschichte von Mathieu Amalrics
viertem Langfilm endet in einem verlassenen Hotel auf einer französischen
Atlantikinsel und mit der Einsicht, dass auch überzeugte Einzelgänger
hin und wieder vertraute Gesellschaft für ihren Seelenfrieden brauchen.
Am Beginn von Tournée stand eine Erzählung der Schriftstellerin und
Variétékünstlerin Colette, in der sie ihre Erfahrungen im Music-Hall-Milieu
schildert. Auf der Suche nach einer Kunstform, mit der Colettes Gedanken
in der Gegenwart ausgedrückt werden könnten, stieß Amalric auf amerikanische
Tänzerinnen des New Burlesque, einer feministischen Weiterentwicklung
des Striptease, bei der sie sich niemals ganz entblößen, sondern
mit originellen, von ihnen selbst konzipierten Einlagen primär Frauen
unterhalten wollen.
In Tournée setzt Amalric den energischen Damen
mit teils sehr üppig geformten Körpern nun den ehemaligen Fernsehproduzenten
Joachim Zand an die Seite. Nach erfolglosen Jahren in den USA kommt
er mit den Mädchen im Gepäck nach Frankreich zurück, um mit ihrer
Show durch ein Land, das er nicht mehr als seine Heimat bezeichnen
kann, zu ziehen. Doch jeder, von seiner Familie über Ex-Geliebte
bis zu ehemaligen Kollegen, verachtet ihn hier, und so müssen die
Mädchen mit Bühnen außerhalb der Hauptstadt vorlieb nehmen. Mathieu
Amalric, der mit Samtanzug und Schnurrbart versehen selbst in die
Produzentenrolle geschlüpft ist, hat für den Film eine echte Tour
mit amerikanischen Berufstänzerinnen zusammengestellt. Gefilmt wurde
ein reales Publikum, das gegen Abgabe seiner Bildrechte freien Eintritt
erhielt.
Dirty Martini hat zwar den originellsten Namen der Truppe,
Mimi Le Meaux jedoch das charismatischste Lächeln und bekam als einzige
der Tänzerinnen eine weiterführende, fiktionale Rolle. Obwohl sie
keine Schauspielerin ist, überzeugt sie dank der in Cannes mit dem
Regiepreis ausgezeichneten Führung Amalrics. Die pulsierenden Bilder
des Showalltags verschaffen dem Film einen Dokumentarstil, der zwar
spontan wirkt, jedoch von Mathieu Amalric bis ins Detail inszeniert
worden ist. Dabei bleibt er immer nahe an den Darstellern und entführt
den Zuschauer so auf eine bewegende Reise, bei der nicht zu viel
nachgedacht, sondern die Darbietungen voller Kitsch und Trash einfach
genossen werden und Tournée als eine Hommage an die Menschlichkeit,
die Welt des Showbusiness und den unperfekten Körper verstanden werden
soll.
Barbara Fuchs (ray Filmmagazin)