Die brillante Tragikomödie „Up in the Air“ mit Superstar George Clooney in der Hauptrolle wird bereits als heißer Oscar-Kandidat gehandelt. Tatsächlich reflektiert der treffsicher inszenierte Hollywood-Film über den bindungslosen Vielflieger und Meilenjunkie
Bingham die Finanzkrise auf dem Hintergrund gesamtwirtschaftlichen und privaten Scheiterns, trotz allem Tiefgang, hochunterhaltsam. Bekannt für seine bissigen, gesellschaftsrelevanten Kommentare gelingt dem kanadischen Independent-Regisseur Jason Reitman ein intelligentes „Feel Better Movie“ für schlechte Zeiten.



Prädikat: besonders wertvoll;
USA 2009 - 110 Min.; ab 12;
Regie: Prädikat: besonders wertvoll;
Darsteller: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman, Danny McBride, Melanie Lynskey, Amy Morton, Sam Elliott.

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Ryan Bingham (George Clooney), König der Bonusmeilen, kennt nur ein Ziel: der siebte Mensch zu werden, der als Frequent Flyer die sagenumwobene eine-Millionen-Meilen Schallmauer durchbricht. Dafür jettet der bindungslose Motivationstrainer durch die Staaten. Rastlos jagt der charmante Workoholic Meilen hinterher. Das Ganze im Auftrag seiner Firma. Denn der passionierte Luftikus ist der Mann fürs Grobe. Der vertrauenserweckende Geschäftsmann schreitet unverfroren zur Tat, wenn feige Firmenchefs ihre Angestellten nicht selbst kündigen wollen. In exklusiven Workshops erklärt er den Wegrationalisierten hinterher psychologisch geschickt die angeblich positive Seite ihrer sogenannten Freistellung.

Jeder Mensch trägt einen Rucksack durchs Leben. Je mehr Gegenstände wie Kleider, Fernseher, Häuser und Beziehungen sich in diesem Gepäckstück befinden, umso schwieriger können wir uns bewegen. Dieses Sinnbild verwendet der clevere Ray für seine Vorträge. „Du lebst“, warnt ihn dagegen seine ältere Schwester Kara (Amy Morton) am Telefon, „so fürchterlich isoliert“. Ray weiß es freilich besser. „Ich bin doch mittendrin“, verkündet ihr agiler Bruder während er wieder einmal in Hochstimmung ein Flughafengebäude verlässt.

Immerhin besitzt seine Vielfliegerei einen Vorteil. Er kann ihren Auftrag ausführen. Da seine jüngere Schwester Julie (Melanie Lynskey) bald ihren Verlobten Jim (Danny McBride) heiratet, wünscht sie sich von ihrem großen Bruder Fotos von sich und Jim vor diversen Touristenattraktionen. Grund: Für eine Hochzeitsreise reicht das Geld nicht. Widerwillig muss Ray jetzt eine zu grosse Pappversion von beiden in seinem Gepäck mit schleppen. Demonstrativ zelebriert der Mittvierziger trotzdem lässig seine Unabhängigkeit.

Doch als die junge ehrgeizige Harvad-Studentin Natalie Keener (Anna Kendrick) auftaucht und er sich gleichzeitig auf eine lockere Affäre mit der selbstbewußten Geschäftsfrau Alex (Vera Farmiga) einlässt, gerät sein einsamer Lebensentwurf samt Weltbild ins Wanken. Denn die ambitionierte Studienabgängerin Natalie überzeugt seinen Chef, dass es wesentlich effizienter ist Entlassungen übers Internet per Videokonferenz abzuwickeln. Ein Vorschlag, der ihn unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückbringen würde. Und Alex löst bei ihm Gefühle aus, die er sich kaum eingesteht.

Nicht umsonst zählt Jason Reitman zu den viel versprechendsten jungen Regisseuren und Drehbuchautoren des Independent-Kinos. Erneut belebt seine Kunst der Schauspieler- und Dialogführung das Komödiengenre zwischen Satire, Tragödie und Selbstfindung mit originellen Einfällen und pfiffigen Dialogduellen Wie schon bei seinem pointiertem Erstlingswerk „Thank You for Smoking“ adaptiert der 32jährige Kanadier eine Romanvorlage. Inspiriert von Walter Kirns Buch „Der Vielflieger“ fügt er versiert einige Handlungsstränge hinzu.

Vor allem jedoch durch das Charisma und die nuancierte Darstellung des graumelierten Hollywood Charmeurs George Clooney verkommt die Figur von Ray Bingham in keiner Minute zur Karikatur. Mit seinen komplexer werdenden Rollen auf der Leinwand und seinem politischen Engagement jenseits der Filmkameras erinnert das 48jährige Multitalent mittlerweile an Warren Beatty in seinen besten Zeiten. Für die Szenen mit entlassenen Arbeiter drehte Jason hauptsächlich mit Personen, die tatsächlich vor kurzem Job und Existenz verloren. Dieses semidokumentarische Material verleiht dem Film in Zeiten von Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zusätzlich beklemmende Aktualität.

Schon Arthur Miller entlarvte Anfang der 50er Jahre in seinem berühmten sozialkritischen Psychodrama „Tod eines Handlungsreisenden“ den „American Dream“ als Trugbild. Sein Handelsvertreter Willy Loman zerbricht an einem inhumanen Wirtschaftssystem, in dem es nur auf immer mehr Profit ankommt. Die Tragödie seines Protagonisten steht für eine gescheiterte Gesellschaftsordnung. Auch Jasons gnadenlose Satire auf die globalisierte Geschäftswelt und das moderne Nomadentum im Flugzeug ist letztlich ein Appell, sich auf Werte wie Liebe, Familie, Solidarität und Mitmenschlichkeit zu besinnen. Und am Ende ahnt auch Bingham: „In Gesellschaft lebt sich’s besser“.