Ryan Bingham (George Clooney), König der Bonusmeilen, kennt nur ein
Ziel: der siebte Mensch zu werden, der als Frequent Flyer die sagenumwobene
eine-Millionen-Meilen Schallmauer durchbricht. Dafür jettet der
bindungslose Motivationstrainer durch die Staaten. Rastlos jagt
der charmante Workoholic Meilen hinterher. Das Ganze im Auftrag
seiner Firma. Denn der passionierte Luftikus ist der Mann fürs
Grobe. Der vertrauenserweckende Geschäftsmann schreitet unverfroren
zur Tat, wenn feige Firmenchefs ihre Angestellten nicht selbst
kündigen wollen. In exklusiven Workshops erklärt er den Wegrationalisierten
hinterher psychologisch geschickt die angeblich positive Seite
ihrer sogenannten Freistellung.
Jeder Mensch trägt einen Rucksack durchs Leben. Je mehr Gegenstände
wie Kleider, Fernseher, Häuser und Beziehungen sich in diesem Gepäckstück
befinden, umso schwieriger können wir uns bewegen. Dieses Sinnbild
verwendet der clevere Ray für seine Vorträge. „Du lebst“, warnt ihn
dagegen seine ältere Schwester Kara (Amy Morton) am Telefon, „so
fürchterlich isoliert“. Ray weiß es freilich besser. „Ich bin doch
mittendrin“, verkündet ihr agiler Bruder während er wieder einmal
in Hochstimmung ein Flughafengebäude verlässt.
Immerhin besitzt seine Vielfliegerei einen Vorteil. Er kann ihren
Auftrag ausführen. Da seine jüngere Schwester Julie (Melanie Lynskey)
bald ihren Verlobten Jim (Danny McBride) heiratet, wünscht sie sich
von ihrem großen Bruder Fotos von sich und Jim vor diversen Touristenattraktionen.
Grund: Für eine Hochzeitsreise reicht das Geld nicht. Widerwillig
muss Ray jetzt eine zu grosse Pappversion von beiden in seinem Gepäck
mit schleppen. Demonstrativ zelebriert der Mittvierziger trotzdem
lässig seine Unabhängigkeit.
Doch als die junge ehrgeizige Harvad-Studentin Natalie Keener (Anna
Kendrick) auftaucht und er sich gleichzeitig auf eine lockere Affäre
mit der selbstbewußten Geschäftsfrau Alex (Vera Farmiga) einlässt,
gerät sein einsamer Lebensentwurf samt Weltbild ins Wanken. Denn
die ambitionierte Studienabgängerin Natalie überzeugt seinen Chef,
dass es wesentlich effizienter ist Entlassungen übers Internet per
Videokonferenz abzuwickeln. Ein Vorschlag, der ihn unsanft auf den
Boden der Tatsachen zurückbringen würde. Und Alex löst bei ihm Gefühle
aus, die er sich kaum eingesteht.
Nicht umsonst zählt Jason Reitman zu den viel versprechendsten jungen
Regisseuren und Drehbuchautoren des Independent-Kinos. Erneut belebt
seine Kunst der Schauspieler- und Dialogführung das Komödiengenre
zwischen Satire, Tragödie und Selbstfindung mit originellen Einfällen
und pfiffigen Dialogduellen Wie schon bei seinem pointiertem Erstlingswerk
„Thank You for Smoking“ adaptiert der 32jährige Kanadier eine Romanvorlage.
Inspiriert von Walter Kirns Buch „Der Vielflieger“ fügt er versiert
einige Handlungsstränge hinzu.
Vor allem jedoch durch das Charisma und die nuancierte Darstellung
des graumelierten Hollywood Charmeurs George Clooney verkommt die
Figur von Ray Bingham in keiner Minute zur Karikatur. Mit seinen
komplexer werdenden Rollen auf der Leinwand und seinem politischen
Engagement jenseits der Filmkameras erinnert das 48jährige Multitalent
mittlerweile an Warren Beatty in seinen besten Zeiten. Für die Szenen
mit entlassenen Arbeiter drehte Jason hauptsächlich mit Personen,
die tatsächlich vor kurzem Job und Existenz verloren. Dieses semidokumentarische
Material verleiht dem Film in Zeiten von Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit
zusätzlich beklemmende Aktualität.
Schon Arthur Miller entlarvte Anfang der 50er Jahre in seinem berühmten
sozialkritischen Psychodrama „Tod eines Handlungsreisenden“ den „American
Dream“ als Trugbild. Sein Handelsvertreter Willy Loman zerbricht
an einem inhumanen Wirtschaftssystem, in dem es nur auf immer mehr
Profit ankommt. Die Tragödie seines Protagonisten steht für eine
gescheiterte Gesellschaftsordnung. Auch Jasons gnadenlose Satire
auf die globalisierte Geschäftswelt und das moderne Nomadentum im
Flugzeug ist letztlich ein Appell, sich auf Werte wie Liebe, Familie,
Solidarität und Mitmenschlichkeit zu besinnen. Und am Ende ahnt auch
Bingham: „In Gesellschaft lebt sich’s besser“. |