Es wäre leicht, diesen geschätzte 125 Millionen Dollar teuren Hollywood-Film als kalkulierte geschäftliche Entscheidung abzutun. Der riesige Erfolg der so genannten Millenium-Trilogie – von den drei Romanen wurden weltweit über 65 Millionen Exemplare verkauft – garantiert in Verbindung mit einer großen Hollywood-Produktion und dem damit verbundenen Werbeaufwand den finanziellen Erfolg. Dass die schwedische Verfilmung erst wenige Jahre alt ist und trotz der eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten ein ordentlicher Film war, macht es selbst für einen brillanten Regisseur wie David Fincher schwierig, eigene oder gar neue Akzente zu setzen. Der erste Eindruck ist dann auch: Finchers “Verblendung“ ist technisch perfektes Hollywood-Kino, aber letztlich nur wenig anders oder gar besser als das schwedische Original.
Der Inhalt ist natürlich identisch: Der investigative Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wird von Henrik Vanger (Christopher Plummer), Patron des reichen und mächtigen Vanger-Clans, angeheuert. Vordergründig um die Biographie Henriks zu schreiben, in Wirklichkeit aber, um das lange zurückliegende Familiengeheimnis aufzuklären. Vor 40 Jahren verschwand Henriks geliebte Nichte Harriet spurlos und mit ihr die wirtschaftliche Bedeutung des Clans, vor allem aber seine moralische Überlegenheit. Gleichzeitig, zunächst isoliert von Blomkvists Ermittlungen, wird die zweite und in jeder Hinsicht faszinierendere Hauptfigur eingeführt: Lisbeth Salander (Rooney Mara), eine brillante Hackerin, äußerlich eine Mischung aus Punk und Goth, verschlossen, eigensinnig, radikal. Missbraucht von ihrem Vormund übt sie brutale Rache und wird schließlich Blomkvists Assistentin und auch seine Geliebte. Gemeinsam kommen sie einem finsteren Geheimnis auf die Spur, das von der heilen Oberfläche der schwedischen Gesellschaft nichts mehr übrig lässt.
Der Originaltitel des Romans lautete „Männer, die Frauen hassen“, und schildert eine in Stieg Larssons Augen durch und durch sexistische, frauenfeindliche Welt, der er mit Lisbeth Salander eine der interessantesten Figuren jüngerer Zeit gegenüberstellt. Inwieweit diese individualistische Person, die aber dennoch nach einem Platz in der Gesellschaft, der Nähe zu Mitmenschen sucht, ein glaubwürdiges feministisches Rollenmodell ist, wird sicherlich noch viele Hochschul-Seminare beschäftigen. Im blassen, gepiercten Angesichts Rooney Maras wird sie zu einer starken Filmfigur, die im Laufe der zweieinhalbstündigen Dauer zunehmend zur Hauptfigur wird. Und hier mag man den Schlüssel für das Interesse Finchers an dieser Geschichte sehen, der seine „Verblendung“ zu weit mehr als einem oberflächlich brillantem Thriller macht.
Eine bloße Serienkiller-Geschichte hatte er bekanntlich schon in „Seven“ durchexerziert, damals noch in jenem mitreißenden visuellen Stil, für den Fincher berühmt wurde, der seine technischen Fähigkeiten aber oft eher plakativ zur Schau stellte. Mit Filmen wie „Zodiac“ und besonders dem letztjährigen Meisterwerk „The Social Network“ hat Fincher eine neue Richtung eingeschlagen, die er auch in „Verblendung“ fortsetzt. Es sind Filme, die in jedem Moment eine fast schon einschüchternde technische Brillanz vermitteln, die nicht zuletzt durch das Drehen auf hochauflösendem Digitalmaterial eine fast unnatürliche Schärfe aufweisen, die zu dem Eindruck beiträgt, dass man es weniger mit Filmen zu tun hat als mit klinischen Versuchsanordnungen.
Immer wieder hat Fincher betont, dass er nicht daran glaubt, dass es viele richtige Möglichkeiten gibt, eine Szene zu filmen. In seinen Augen gibt es genau eine „richtige“ Einstellung, genau eine Einstellung, die frei von Subjektivität, frei von Emotionen ist. Diese Präzision, das kalte sezieren menschlicher Verhaltensmuster führt er auch in „Verblendung“ weiter.
Ein amerikanischer Kritiker bezeichnete denn auch „Verblendung“ nicht als Thriller, sondern als Thriller über einen Thriller, einen Film, der die zahllosen, oft winzigen Schritte einer Ermittlung bis ins kleinste Detail schildert, ohne sich emotional auf sie einzulassen. Der große Unterschied zu „Zodiac“ ist nun, das dort die fieberhafte Suche nach einem Täter ins Leere führte, die Erkenntnis blieb, dass es Dinge gibt, die nicht objektiv zu klären sind. „Verblendung“ ist das Positiv zu diesem Negativ, denn hier ermitteln Blomkvist und Salander ohne Rücksicht auf Verluste, so lange, bis die Wahrheit ans Licht gekommen ist. Das zwischenzeitliche Happy End jedoch lässt Fincher nicht stehen, der folgende, lange Epilog rückt die Dinge wieder gerade und zeigt die immanente Kälte dieser von David Fincher und seinen Mitarbeitern so faszinierend und vielschichtig gestalteten Welt.
Michael Meyns (programmkino.de)
|