Wir waren gewarnt: Der gemütliche Erzähler verrät
uns gleich zu Beginn, dass sich in dieser Geschichte einige unheimliche
Dinge zutragen werden. Der Mann weiß ganz genau, wovon er spricht,
schließlich war er vor 50 Jahren in diesem Dorf der Lehrer. Alles
beginnt mit einem mysteriösen Reitunfall. Der Landarzt stürzt schwer
bei seiner Rückkehr. Ein unsichtbares Seil brachte das Pferd heimtückisch
zu Fall. Wenig später wird eine etwas kränkliche Frau das Opfer eines
tödlichen Unfalls im Sägewerk. Aus Rache wird das Kind des Barons
schwer misshandelt, später das behinderte Kind der Hebamme. Sollten
die sommersprossigen Kinder etwas mit der Sache zu tun haben, wie
es der Dorflehrer später vermutet?
Leidensdruck gäbe es genug, von den täglichen Schuldeinimpfungen
über sexuellen Missbrauch bis zu Züchtigungen. „Herr Vater“ sagen
die braven Kinder stets gehorsam. Doch wenn es dem Pastor (ein grandioser
Burghart Klaußner) nicht passt, holt er die Schuldkeule aus dem heimischen
Schrank. Da wird ihnen etwa das titelgebende „weiße Band“ als öffentliches
Zeichen ihrer Schuld angeheftet. Oder dem pubertierenden Sohn werden
die Arme ans Bett gebunden, damit er sich nächtens nicht mehr unsittlich
berührt. Beim Gutsverwalter (Josef Bierbichler) geht es gleichfalls
ruppig zu: Kleine Sünden bestraft der Vater sofort mit der Reitgerte
oder ein paar Tritten in die Rippen. Beim nach außen hin so freundlichen
Doktor geht es intimer zu: Er missbraucht die minderjährige Tochter
vor den Augen des kleinen Sohnes. Gegenüber seiner Geliebten, der
Hebamme, verhält er sich nicht minder brutal: „Du bist hässlich,
ungepflegt und riechst aus dem Mund. Da hätte ich auch eine Kuh bespringen
können. Warum stirbst du nicht einfach!“
Hinter den frömmelnden Spießerfassaden brodelt eine Welt aus Missbrauch,
Verboten und struktureller Gewalt. Ein Mikrokosmos aus Demütigung,
Drohung, Denunziation. All das scheint ganz normal, nur die sensible
Baronin will fliehen aus dieser Welt von Brutalität und Unterdrückung.
Und auch der junge Lehrer zeigt Herz, verliebt sich gar romantisch
in ein junges Kindermädchen - deren Vater freilich bleibt stur (gespielt
von einem herrlich lakonischen Detlev Buck). Bald dämmert der Vorabend
des Ersten Weltkrieges. Nicht lange, und die missbrauchten Kinder
dürften zu Tätern mutieren.
Schon immer interessierte sich Haneke für das Koordinatensystem
der Gewalt, für die Banalität des Bösen. Mit maximalem Minimalismus
hält er seine Kamera gnadenlos als Mikroskop auf das Monster Mensch,
verzichtet dabei bewusst auf den moralischen Zeigefinger oder altkluge
Erklärungen – seine bösen Buben in „Funny Games“ ließ er einst ja
sogar Witze über Erklärungsversuche machen. Eiskalt und emotionslos
bringt er mit erlesenen Bildern in schwarz-weiß ein wenig Licht in
die düsteren Zusammenhänge menschlicher Abgründe, zeigt die Entwicklung
von Schuld und Gewalt im kleinen Alltag bis eben zum Vorabend des
großen Krieges.
Dass dieser Horrorfilm der etwas anderen Art so beklemmend funktioniert,
verdankt er seiner psychologisch präzisen Dramaturgie, die von einem
hervorragenden Ensemble packend umgesetzt wird. Von den Kindern (aus
mehr als 7.000 Bewerbern ausgesucht), über den leinwandpräsenten
Newcomer Christian Friedel als Lehrer bis zum stets punktgenauen
Burghart Klaußner als Pastor.
Bei diesem strengen Film über die Strenge ist Ingmar Bergman natürlich
nicht weit. Doch Entwarnung: Die zunächst vielleicht abschreckenden
145 Filmminuten fallen höchst kurzweilig und spannend aus. Eigentlich
eine perfekte Literaturverfilmung - nur dass es hier gar keine Romanvorlage
gab. Deutsch oder Österreich? „Es ist ein Haneke-Film. Der Rest ist
mir egal“, sagt der Regisseur amüsiert.
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