Selten herrschte so viel Einigkeit. Von allen Seiten prasselte in den amerikanischen Medien Lob auf „Winter’s Bone“ ein. Und das zu Recht. Debra Graniks wuchtiger Film über ein 17-jähriges Mädchen, das in einer elenden Berggegend Missouris verzweifelt für die Existenzgrundlagen ihrer Familie kämpft, ist ein Geniestreich. Und nach Auffassung von US-Experten zu gut, um bei den Oscar-Nominierungen ignoriert zu werden.

USA 2010 - 100 Min.; ab 12;
Regie: Debra Granik;
Darsteller: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt, Sheryl Lee, Lauren Sweetser, Tate Taylor, Isaiah Stone, Ashlee Thompson
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Was „Winter’s Bone“ so weit herausragen lässt, ist nicht die Geschichte. Die ist so klassisch wie das Altertum. Nur dass hier keine furchtlosen griechischen Abenteurer auf Heldenreise in See stechen, sondern eine Jugendliche – halb Mädchen, halb Frau –, durch die Ozark Mountains stolpert auf der Suche nach ihrem Vater, einem Drogenlieferanten, der auf freien Fuß kommt, weil er das Haus seiner Familie hergibt als Sicherheitsleistung. Da er nicht vor Gericht erscheint, steht alsbald der Sheriff vor der Tür. Das Haus, sagt er, werde nun binnen einer Woche gepfändet. Die Familie wäre dann obdachlos und wohl auch nicht überlebensfähig in einer unwirtlichen Gegend, in der ein Dach über dem Kopf und ein warmer Herd unabdingbar sind. „Ich werde ihn finden“, sagt Ree Dolly, die 17-jährige Tochter des Verschwundenen, die mit ihrer vor sich hin dämmernden Mutter und zwei kleinen Geschwistern die Stellung hält. Dann macht sie sich auf den Weg. Daraus könnte nun ein Stationendrama entstehen, eine David-gegen-Goliath-Geschichte, das Erwartbare. Debra Granik hat sich aber wie ihr verschwundener Drogen-Laborant in die Küche gestellt und eine feine Mixtur zusammengekocht, die allzu Bekanntem wenig ähnelt. Ihr Film lässt sich kaum auf ein Genre festlegen. Er ist letztlich ein Sozialdrama, aber er sieht nicht so aus. Kaum sind die ersten Bilder vorbeigezogen, stellt sich Verwirrung ein. Wird der Film mit seinen offensichtlich kaputten, gewalttätigen, verwahrlosten Figuren alsbald in ein Slasher-Movie kippen? Bekommt man es mit einem Krimi zu tun? Dreht sich alles zu einem Familien-Melodram? Diese Zutaten sind vorhanden, doch von Granik so fein dosiert, dass das Rezept schwer zu entschlüsseln ist. Ein Kritiker sprach von einem „film noir auf dem Land“, ein Unding, aber nicht verkehrt. Was man durchweg sieht, sind unspektakuläre, dokumentarisch angelegte Bildsequenzen. Ree, die Tochter, auf deren Schultern das Schicksal der Familie lastet, läuft durch den Wald zu Verwandten und Bekannten, um herauszufinden, wo ihr Vater ist. Sie ist keine Bittstellerin, sie kennt die Regeln. Schweigen ist Pflicht hier in den Bergen, wo alle von illegalen Geschäften leben und es besser ist, von nichts zu wissen. Granik nimmt eine Beobachterposition ein, die sich auf das konzentriert, was man sieht. Sie psychologisiert nicht, sie erklärt nichts, sie drückt nicht auf die Knöpfchen, die ein Drama gemeinhin Fahrt gewinnen lassen. Trotzdem baut sich eine untergründige Spannung auf, die bis zur Entladung am Ende anhält, die vieles, aber nicht alles erklärt, doch ein bezeichnendes Licht wirft auf diese abweisenden und verhärmten Gestalten in den Ozark Mountains. Die Gemeinschaft wird plötzlich sichtbar wie ein Pilzgeflecht unter der Erde, das jeden Schritt der im Nebel stolpernden Ree registriert hat.