Die Mitglieder des Seniorenchors Young@Heart verbringen ihre Zeit lieber auf der Bühne als im Schaukelstuhl. Wie die 93-jährige Eileen Hall, die mit ihrer Performance des Punkhits „Should I Stay or Should I Go?“ die Menge zum Toben bringt. Stephen Walker hat den Chor bei seinen Proben beobachtet und wirft einen humorvollen Blick auf das Privatleben der Rock-Rentner, für die Musik pure Energie bedeutet. Vor allem für Joe Benoit (83), der schon sechs Chemotherapien hinter sich hat und das ärztliche Auftrittsverbot konsequent ignoriert. Diese Doku macht Lust auf den Ruhestand.
O.m.U.; USA/GB 2007 - 109 Min.; ab 6;
Regie: Stephen Walker;
Darsteller:
(Mitwirkende) Bob Cilman, Brock Lynch, Janice St. Laurence, Jeanne Hatch, Joe Benoit, Stan Goldman, Louise Canady, John Larareo, Dora B. Morrow, Gloria Parker.

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Unser guter, sexy Mick von den Stones muss aufpassen. Da droht Konkurrenz. Nicht vom müden Nachwuchs, sondern von putzmunteren Oldies, die sich selbstironisch als "unartige Rentner" bezeichnen und nur mitleidig lächeln würden bei der drögen Diskussion über Rente mit 67 in Deutschland. Schon so früh die Hände in den Schoß legen, Süppchen aus der Schnabeltasse schlürfen und im Altersheim auf Gevatter Tod warten? Nein danke! Das können sich diese kreglen Senioren aus Northampton, Massachusetts, nicht vorstellen.

Natürlich arbeiten sie nicht mehr von 9 bis 5, aber die rüstigen 75- bis 93-Jährigen suchen neue Herausforderungen, gehören dem etwas anderen Chor Young@Heart an, der weltweit auf Tourneen das Publikum mit seinen Rocksongs von Jimi Hendrix oder Radiohead, The Clash oder den Ramones vom Sessel reißt. Und wenn die 93-jährige kokett flirtende Ex-Kriegsbraut Eileen ihre ganz persönliche Interpretation von "Should I stay or should I go" mit rauchiger Stimme schmettert, hat das eine ganze andere Bedeutung, als wenn ein Jugendlicher da loslegt. Bei der grauhaarigen Lady geht es nicht um Beziehungstrouble, sondern darum, ob sie den Weg in die ewigen Jagdgründe jetzt schon einschlagen oder noch etwas Widerstand leisten soll.

Die Dokumentation von Stephen Walker ist einzigartig. Sechs Wochen hat er den Chor bis zum Konzert begleitet, die manchmal schwierigen Vorbereitungen mit Bob Cilman, Chorleiter seit 1982 (der seine Schäfchen auch ganz schön triezt), langwierige Proben und körperliche Zipperlein, die Lust am Leben von Menschen, die jeden kostbaren Moment schätzen und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Sie mögen alt an Jahren sein - das Durchschnittsalter liegt bei 81 - aber nicht an Power und Durchhaltevermögen, um die so mancher Youngster beneiden könnte.

Natürlich vergisst der 75-jährige Stan mit Wirbelsäulenstenose schon mal den Text von James Browns "I Feel Good", was seine Duettpartnerin Dora, Mutter von 15 Kindern und Herrscherin über inzwischen 23 Enkel und Urenkel, schon mal aus dem Takt bringt, dafür geht die heiße Coverversion des 87-jährigen Len von "Purple Haze" runter wie Butter, und wenn Fred trotz Herzleiden mit Bob Coldplays "Fix You" zum Besten gibt, fühlt man sich wie bei einem Rockkonzert mit Rockgrößen aus den 60er und 70ern. Nur, dass Drogenschwaden und Groupies fehlen.

Dafür überrascht die Doku mit sehr leisen und anrührenden Augenblicken. Wenn der Chor nach dem Tod eines seiner Mitglieder in einem Auftritt im Gefängnis in memoriam Dylans "Forever Young" anstimmten, dann möchte man heulen wie die Knackis. Auch ein zweiter Chorsänger starb während der Dreharbeiten. Aber die anderen lassen sich nicht unterkriegen. Wenn sie am Ende eines erfüllten Abends Allen Toussaints 70er-Jahre R&B-Hit "Yes We Can Can" intonieren, weiß man, "Young@Heart" ist mehr als nur ein witziger, ernsthafter und gefühlvoller Film, ist Aufmunterung und Plädoyer für Selbstbestimmung, Lebensbejahung und Unverzagtheit, Sex und Liebe, Auseinandersetzung mit Krankheit, Verlust und Tod. Und irgendwie kann man sich plötzlich vorstellen, dass mit 80 noch lange nicht Schluss ist.